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Der Nationalanarchismus – eine Art Manifest
eingereicht von: St4r am 15.07.2004, 16:18 Uhr
Sonstiges 
Inhalt:

1. Der Glaube
2. Herrschen und Beherrschtwerden
3. Spontane Ordnung – gegen organizistischen Normativismus
4. Radikale Aufklärung
5. Gegen die Religion vom Menschen
6. Die neue Religion, die keine ist: das neue Weltklima
7. Der Urspungsmythos, der keiner ist: die Ureuropäer
8. Emanzipatorische Falle und Endstadium des Humanismus: der Hegelianismus
9. Warum nationale Anarchie?
10. Post- bzw. Nichtintellektualismus
11. Radikaler Individualismus, radikaler Kommunismus
12. Ultraresponsabilismus, Ultraliberalismus
1. Der Glaube

Der Unterschied zwischen einem Anarchisten und einem Nichtanarchisten liegt
in deren verschiedenem Glauben. Der Anarchist glaubt an keine
nicht-spontane Ordnung: Er will sie nicht, und er hält sie nicht für möglich.

Der Nichtanarchist mag vielerlei Mißstand im jeweiligen mit Mühe, Not und
Zwang aufrechterhaltenen Status quo sehen und auch einsehen, daß solche
Zustände nie aufrechterhalten werden und sich die Staaten nie halten
konnten und nacheinander ein Zustand den anderen Zustand ablösen mußte; und
er mag auch, weil er gebildet ist, sehen, daß primitive menschliche
Gemeinschaften, die sich durch Abwesenheit besonderer, über das direkt
sinnlich Wahrnehmbare hinausgehende Maßnahmen auszeichnen, über
vergleichsweise riesige Zeitspannen funktionierten (bis die Zivilisierten
kamen und ihre Staaten wie Fangnetze über sie warfen), weil ihre
Angehörigen damit zufrieden waren, weil es ihnen eigenst entsprach und sie
noch nichts von einer Aufspaltung in Egoismus/Altruismus wußten – allein,
er, der Nichtanarchist, glaubt dennoch an seine jeweilige Version der
Zivilisiertheit, dem notwendigen Input, dem zusätzlichen Aufwand im Umgang
der Menschen untereinander und mit sich selbst; er glaubt an die
Notwendigkeit von Beeinflussung, Manipulierung und ein Mindestmaß an
Künstlichkeit, also an Staatenbildung, mag diese nun konservativ,
demokratisch oder sonstwie sein: Sie ist dann – da er ja wie gesagt
durchaus selbstkritisch ist – zwar fehlerhaft, aber dennoch das
Bestmögliche, und er glaubt an sie und setzt sich für sie ein.

Der Nichtanarchist glaubt an nicht-spontane Ordnung, ist von deren
Notwendigkeit, ihrer Gültigkeit und – wird sie umgesetzt – ihrem Bestand
überzeugt.

Der Nicht-Anarchist glaubt einfach daran, daß diese oder jene durch eine
Anstrengung hervorgebrachte und mit einem Erzwingungsapparat aufrecht
gehaltene Ordnung Bestand haben kann und die Antwort auf die jeweils
vorliegenden Probleme darstellt. Der erzielte Zustand (Staat) sei zwar
nicht vollkommen und es bedürfe immer wieder der Anstrengung und des
Zwanges und der Arbeit an der Aufrechterhaltung des erzielten Zustandes,
aber dieser sei dann immer noch der bestmögliche.

Der Nichtanarchist glaubt im Grunde nicht mehr an sich selbst. Er hat kein
Vertrauen mehr in sich selbst und ist daher auch mißtrauisch anderen
gegenüber. Er kennt sich nicht mehr; er hat sich verloren; er ist sich
selbst entfremdet. Er weiß nicht mehr, was und wer er ist; er hat keine
tiefen Gefühle mehr, ruht nicht in der Sicherheit seiner Instinkte.

Der Anarchist glaubt an sich, auch wenn er nicht an die Menschheit glaubt.
Er kennt sich, hat sich, weiß, was er will.

Der Anarchist kann sich mit dem Nichtanarchisten verständigen, sie können
sehr weit aufeinander zugehen und sich über vieles einig werden; der
Anarchist kann dem Nichtanarchisten nur nicht glauben; er hält dessen
Vorstellungen für unrealistisch und kann sich von daher nicht in dessen
Sinne engagieren. Er kann gleichwohl mit diesem punktuell zusammenarbeiten
– und muß das auch, was bleibt ihm anderes übrig, nimmt er den
Nichtanarchisten neben ihm doch als real und dessen Existenz als seine
eigene Existenz berührend wahr. Er arbeitet mit ihm zusammen, weil ihm das
konkret – gemessen einzig an seiner sinnlich Erfahrung, und zwar sollte es
sich eher gut als schlecht anfühlen – besser als etwas anderes erscheint
aber nicht, weil ihm der Zusammenhang dieser konkreten Maßnahme mit einer
„höheren Idee“ oder einem ganzen System an Maßnahmen oder einem diesen
Maßnahmen zugrundeliegenden theoretischen System einleuchten oder ihn auch
nur interessieren würde. Diesen Zusammenhang herzustellen gibt er sich
keine Mühe und ist er nicht in der Lage; er mag dem Nichtanarchisten eigen
sein und dessen Erfahrungen entsprechen, nicht aber dem des Anarchisten.
Das hindert ihn jedoch nicht daran, sich, wenn ihm das notwendig erscheint
oder er auch nur Spaß daran hat, unter die Zivilisierten zu mischen und
sich gegebenenfalls sogar in ihren Institutionen aufzuhalten.

Wir gehen mit Stirner über die Freiheit hinaus zur Eigenheit, welcher
Schritt selten von Anarchisten gegangen wird, wir möchten sicher frei sein,
aber noch mehr eigen, nicht nur Freie, sondern vor allem Eigner. Wir eignen
uns – für jeweils die Zeit, in der es uns nützlich erscheint – alles
mögliche an, ja, es mag Situationen geben, wo wir uns den Staat zum
Eigentum machen, wo wir vehemente Befürworter staatlicher Maßnahmen werden
oder solche verlangen oder selbst durchführen. (Anarchie heißt im übrigen
nicht Staatslosigkeit, sondern Herrschaftslosigkeit.1 ) Das kann bei
nötigen Abgrenzungen der Fall sein oder bei Dezentralisierungsprozessen.
Und wir rufen die Polizei, damit sie uns hilft, wenn wir Hilfe brauchen,
aber niemand sonst da ist, und hoffen, daß sie uns hilft. Deswegen sind wir
natürlich keine Anhänger bestimmter politischer Modelle und legen wir uns
nicht auf irgend etwas fest, sondern sind Situationisten, d.h. wir passen
uns der jeweiligen Situation an und sehen, wie wir in ihr zufrieden sein
können.

Im Zeitalter der Globalmacht, des allgewaltigen Staates, geht es um alles
oder nichts, darum, Sklave oder Freier zu sein. Aus dem nur Freien, der nur
von allerhand Dinge frei werden aber nichts wirklich haben will, wird
unweigerlich früher oder später der Sklave. Wir müssen daher Eigner sein,
d.h. uns vor allem die Dinge aneignen, die wir haben wollen, und nicht
vordergründig frei von Dingen sein, die wir nicht haben wollen. Nur darin
liegt noch die nötige Kraft, der Sklaverei zu widerstehen.

Es ist wenig wahrscheinlich, daß sich die Welt im Sinne der nationalen
Anarchie entwickeln wird, etwa im Sinne einer friedlichen
Dezentralisierung; dazu zwingen die Scheinbedürfnisse die Menschen viel zu
sehr in die Korruptheit, d.h. dazu, sich den ihnen und ihren Grund- oder
realen Bedürfnissen gegenüber eigentlich feindlich gesinnten Systemen
anzupassen, und in eine nicht endende Expansion, bei der der Gierigste und
Listigste am Ende die ganze Welt beherrschen wird.

Eine post-katastrophale Welt könnte aber Züge der nationalen Anarchie
tragen. In unseren Rückzugsgebieten, die einzunehmen langsam geboten
scheint, von denen aus wir durchaus auf das katastrophale System Einfluß
nehmen, haben wir eine größere Lebensqualität und geben wir unseren Kindern
mehr Sicherheit.

Das – unser Situationismus – macht uns für Anhänger der Staatlichkeit
scheinbar zu unsicheren Kantonisten, aber wir sagen den Staatsgläubigen –
im Gegensatz zu ihren Konkurrenten um die politische Macht – offen, was wir
wollen und was nicht. Dadurch entsteht Verläßlichkeit und die Möglichkeit
einer friedlichen Koexistenz. Oft unterscheiden sich unsere Positionen in
konkreten Fragen nicht von denen derjenigen, die über die konkreten Punkte
hinaus ein System haben, das ihre Handlungen anleitet und in dem eine
konkrete Handlung nur ein Element ist. Uns fehlt es allein am Glauben an
ein System; wir tun nichts einer höheren Sache wegen. Wir sind Pragmatiker
und nur Pragmatiker. Darin liegt ein großer Unterschied zum
Nichtanarchisten. Deswegen kommen wir auch immer wieder sehr gut mit Leuten
der verschiedensten Weltanschauungen aus und klar, die über unsere große
Toleranz staunen, die sie von sich und ihren Herrschaftskonkurrenten nicht
kennen.

Wenn schon keine höhere, haben wir eine tiefere Sache, eine mittige Sache,
die mitten in unserem Wahrnehmungsapparat liegt und für die Bezeichnungen
keine größere Rolle spielt. Wir verfolgen keine Programme, wir verfolgen
die Befriedigung unserer Bedürfnisse. Wir glauben nur an uns selbst.

Der Anarchist, der – wie er glaubt – Überbleibsel aus nicht-zivilisierten,
anarchischen Urzeiten ist, lebt unter zivilisierten Bedingungen und muß
sich in einem Mindestmaß an diese anpassen. Dort hat er Bedürfnisse und muß
diese dort befriedigen, d.h. er muß sich an der Zivilisation beteiligen, im
konkreten Fall am Kapitalismus, wo er sich verkaufen und verdingen muß, und
sei es, indem er seine Vorstellungen anpreist und preisgibt, gemäß derer er
u.a. die Zivilisation verändern oder auslaufen lassen möchte; wo er also –
wie jeder andere auch – bestechlich bleiben muß oder für sich werben muß.
Darauf braucht ihn der Nichtanarchist nicht erst zu stoßen. Der Unterschied
zum Nichtanarchisten liegt an dieser Stelle nur darin, daß dieser weniger
unter den Bedingungen leidet – entweder weil diese nicht so schlimm sind
wie die, unter denen der Anarchist lebt, oder weil er sich besser anpassen,
d.h. sich selbst verdrängen kann oder nur schwächer und deswegen
bestechlicher ist als dieser – und daher den Status quo, d.h. den Staat,
akzeptiert, affirmiert und kreditiert.

Geradezu lächerlich macht sich der Antianarchist Peter Glotz: „Wer sein
Leben in den Machtinstitutionen verbracht hat, ist immun gegen die
Theoretiker des Anarchismus, gegen die Kropotkins, Rüdigers, Nettlaus,
Rockers, skeptisch auch gegenüber dem Pathos Martin Bubers oder Gustav
Landauers.“2 Wen nimmt es Wunder? Von Machtpolitikern erwarten wir nun am
allerwenigsten, daß sie Verständnis für den Anarchismus haben.

Es gibt einige wenige geradezu weise Nichtanarchisten, die um die
andauernde Ablösung der jeweiligen sozialen und geistigen Konstrukte und
davon wissen, daß keine Form der Zivilisation und keine politische

Philosophie es je zu einem nennenswerten Bestand gebracht hat (ganz im
Gegenteil: Sie haben sich trotz bzw. in der kurzen Dauer ihrer Existenz
alle gegenseitig übertroffen in der Milliardenzahl der Opfer), obwohl alle
diese Formen in ihren sogenannten Verfassungen eine Ewigkeitsklausel
enthalten – ihre reale Verfassung, d.h. die wirkliche psychophysische
Verfassung der einzelnen Menschen, d.h. die Frage, ob es ihnen gut oder
schlecht geht, ob sie sie selbst waren oder eine Rolle spielen mußten, hat
noch nie einen Staat auf Dauer zugelassen. Die am Staat Interessierten
glaubten dagegen – gegen den „Egoismus“, d.h. gegen die „wahren,
natürlichen“, besser gesagt: eigentlichen, eigenen Interessen der Menschen,
an denen noch immer die Staaten zugrundegegangen sind – immer wieder
vorgehen zu müssen. Allein diese weise Nichtanarchisten kommen dennoch
nicht auf die Idee, halten es einfach nicht für möglich, glauben nicht
daran, daß im Kampf gegen uns selbst das Problem liegt und die Zivilisation
uns unterdrückt, entfremdet und zu unserem Heil abgeschafft werden kann.

Wenn die zivilisierte Menschheit überhaupt und gerade so noch Bestand hat,
dann nicht dank der völlig unbeständigen Staaten, sondern weil sich das
Natürliche noch in ihr regt. Und wenn es überhaupt noch Menschen gibt, dann
weil das Naturwüchsige bisher jedes Konstrukt zunichte gemacht hat.
Jahrmillionen lebte der Mensch in spontanen Ordnungen, und die
Kunstordnungen würden ohne die unter und trotz ihnen leidlich
funktionierende Naturordnung nicht einmal eine Woche bestehen können. Die
Staaten funktionieren nie so, wie sich das ihre Verfassungsväter ausgedacht
haben. Es mangelt nicht an intelligenten Menschen, die in ihren
Untersuchungen aufzeigen, welch riesiger Abstand zwischen Ideal und
Realität in den Staaten klafft.3 Aber nur ganz wenige begreifen, daß das
Problem darin liegt, daß überhaupt ein Ideal aufgestellt wird; ein Ideal an
der Spitze eines ganzen Systems von Vorstellungen, wie es zu erreichen sei.

Das größte Bewußtsein erlangt der Nichtanarchist und Staatsgläubige in
seinem Bekenntnis zur Doppelmoral.4 Aber auch die Doppelmoral läßt keine
Ruhe aufkommen, sorgt immer wieder für Spannung und Unwohlsein. Man kann
die Natur, d.h. sich selbst nicht mit Moral bezwingen, und sei sie doppelt.
Es nützt mir nichts, wenn ich von meiner Scheinheiligkeit weiß; ich muß
mich nicht zu ihr bekennen, sondern zu meinen wirklichen Gefühlen und nach
ihnen leben, wenn ich ausgeglichen sein will. Das gilt auch für das
Kollektiv: ein ausgeglichenes wird Bestand haben, weil es sich in ihm
angenehm, d.h. uns selbst gemäß lebt.

Es ist also alles eine Frage des Glaubens. Doch während „Glaube“ gewöhnlich
auf die Zukunft oder etwas Jenseitiges, Höchstes hindeutet, heißt „glauben“
für den Anarchisten lediglich „für-möglich-halten“. Wenn der Anarchist an
etwas glaubt oder nicht glaubt, dann hält er es für in Reichweite liegend
oder existierend oder eben nicht.

Der wirkliche Utopiker ist der Nichtanarchist, der etwas Göttliches erahnt
und die Vereinigung mit dem Geahnten erhofft, dabei den Topos übersieht,
nicht richtig geerdet ist und sich nicht wirklich im Diesseits aufhält. Der
Anarchist macht keinen so großen Unterschied zwischen Wissen und Glauben.



2. Herrschen und Beherrschtwerden

„Anarchie heißt zunächst mal nichts weiter als Herrschaftslosigkeit. Es
gibt also niemanden, der andere gegen ihren Willen beherrscht. Das magst du
vielleicht Scheiße finden, weil du vielleicht gerne von jemandem beherrscht
werden willst... oder dich vielleicht gar selbst dazu berufen fühlst,
Mitmenschen zu beherrschen.“ Erik Vogel

Wirklich interessant wird es in der Diskussion zwischen Anarchisten und
Nichtanarchisten erst an dem Punkt, wo offen gesagt wird, ob man sich zu
den Herrschern oder den Beherrschten – oder beiden, das fluktuiert –
gehörig fühlt. Wer die Notwendigkeit von Herrschaft a priori voraussetzt,
sich aber nicht zum Herrschen oder zum Beherrschtwerden bekennt, verdient
wenig Respekt.

Wer herrscht und wie? – Das ist die einzig relevante Frage. Die
anarchistische Idee ist, diesseits jedes Utopismus’, schon deshalb von
Bedeutung und müßte erfunden werden, wenn es sie nicht schon gäbe, weil sie
am konsequentesten auf diese Frage verweist. Wenn der Nichtanarchist
glaubhaft sein will in seiner Aussage, daß sein Staatsmodell zwar nicht
perfekt, aber eben das bestmögliche sei, dann muß er sich nicht nur dieser
Frage, wer wie herrschen soll, stellen, dann ist es diese Frage, die ihn
bei der Ausarbeitung seines Modell führen muß. Und zwar muß er – wenn er
von seinen Mitmenschen ernst genommen werden und glaubhaft sein will –
diese Frage unter Einbeziehung seiner eigenen Person beantworten.

Die meisten Nichtanarchisten aber stellen und beantworten diese
entscheidende Frage nicht, jedenfalls nicht unter Einbeziehung ihrer
Person. Sie gehen einfach von einer – abstrakten – Herrschaft aus: Jemand
wird’s schon machen. Damit entgleitet ihnen die Freiheit und die
Selbstbestimmung. Wer sagt, daß es Herrschaft geben muß, der muß auch
sagen, wer wie herrschen soll und wo er sich in diesem Verhältnis befindet.
Und zu dieser Frage zwingt nur die Idee der Herrschaftslosigkeit. Der
Anarchismus hat schon daher Berechtigung, weil er dazu zwingt, die
Herrschaft, wenn sie denn notwendig ist, genau und konsequent zu
beschreiben. Der Wert des Anarchismus liegt nicht in Spinnereien und
utopischen Entwürfen, sondern in seiner Effizienz in der Frage nach
Freiheitlichkeit einer Ordnung.

Dem Herrschen und Beherrschtwerden entsprechen das Befehlen und das
Gehorchen. Anarchisten befehlen nie und gehorchen nie. Sie hören auf andere
oder folgen ihnen, und sie sagen andern etwas oder leiten andere an. Sie
anerkennen Autorität (auctoritas kommt von hören) oder strahlen selbst
Autorität aus. Aber sie stellen dabei nie ihre Sinne und ihre Vernunft ab,
d.h. sie folgen nicht blind, und sie erwarten kein Gehör, wenn sie sich
selbst nicht sicher sind.



3. Spontane Ordnung – gegen organizistischen Normativismus

Jede konstruierte Ordnung (Staat) hat eine spontane, organische, natürliche
Ordnung zur Grundlage und baut auf diese auf. Ohne diese spontane Ordnung,
die sich durch Regelungen und Kommunikation ergibt, die nicht fixiert und
kaum bewußt sind, ist nichts in der Zivilisation denkbar: kein Handel, kein
Recht, keine Verwaltung usw. Nur sehr wenig basiert in der Zivilisation auf
bewußter Regelung, etwa auf Gesetzen. Ohne Spontaneität, ohne Vertrauen,
ohne Handschlag unter gleichen läuft nichts. Kein Gesetz, keine
polizeiliche Maßnahme kann Mißtrauen beseitigen. Meist zerstört die
Zivilisation die natürlichen Regelungen und rechtfertigt ihre Existenz mit
der notwendigen Behebung der aus dieser Zerstörung resultierenden Schäden.
„Aber da zeigt sich wieder euer Mißtrauen gegen die menschliche Natur, die
ihr nicht aufhört zu verleumden, nachdem ihr sie durch eure bürgerlichen
Verordnungen, die unaufhörlich in fremde Grenzen eingreifen, erst verdorben
habt.“ (Johann Gottlieb Fichte5 )

Antonin Artaud schrieb: „Der Anarchist ist kein Feind der Ordnung; er liebt
die Ordnung so sehr, daß er ihre Karikatur nicht erträgt.” Die Anarchie ist
tiefe und stabile Ordnung, weil sie spontan, d.h. aus sich selber heraus
besteht und sich am Grunde der Natur, besser gesagt der Natürlichkeit bewegt.

Und selbstverständlich – abgesehen davon, daß das Leben in den Staaten auf
Anarchie basiert – gibt es (noch) reine Anarchien: in einigen Flecken auf
der Erde, die noch nicht mit der Zivilisation in Berührung gekommen sind.
Von diesen Anarchien wissen die Gebildeten nicht, seit wieviel Tausenden
von Jahren sie auf ihre Weise – also stabil – leben. Und sie würden
sicherlich weitere Tausende Jahre auf ihre Weise leben, wenn sie nicht von
den Zivilisierten heimgesucht und ausgerottet würden.

Eine Erinnerung an spontane Ordnung kommt in unserer Sprache u.a. im
Begriff „ordentlich“ zum Ausdruck. Dieser bedeutet das Gegenteil von Chaos,
aber auch üppig, urwüchsig, urtümlich, kräftig, richtig und rein. Das Urige
und Starke ergibt Ordnung.

Kritik der konstruierten Ordnung kommt von „ganzheitlicher“ Seite, doch
alle „organischen“ Theorien bleiben der Konstruktion verhaftet, und aus
ihnen abgeleitete Praktiken können ebenfalls nur instabil sein, weil sie
nicht natürlich sind, sondern nur Vorstellungen von Natur entsprechen. Sie
sind nur Geist.

„Spontane, organische, natürliche Ordnung“ ist ein Normativismus, den wir
ablehnen. In ihm kommt aber etwas zum Ausdruck, was auch wir befürworten;
wir müssen uns hier der Verständlichkeit halber manchmal anpassen. Es ist
aber von größter Bedeutung, uns gleichzeitig von jeder Art Normativismus,
von Natur- und Wissenschaftsgläubigkeit zu distanzieren.

Mit Naturreligion ist nicht Animismus oder Naturverbundenheit, sondern das
Berufen auf „Naturgesetzen“ gemeint.

Der Nietzscheaner Pierre Krebs, der der fröhlichen Wissenschaft verhaftet
bleibt, schreibt in seinem Buch – nomen est omen – „Im Kampf um das Wesen“:
„Seitdem die moderne Ethologie die Veranlagung des Menschen, sich mit den
ihm gleichenden Individuen zu identifizieren, erkannt hat, begreift man
endlich, weshalb die Völker dieses instinktive Bedürfnis spüren, nach ihrem
Rhythmus zu leben, und zwar innerhalb eines wohl abgegrenzten kulturellen
Erbes. Dennoch ist die egalitäre Doktrin angetreten, in systematischer
Ignoranz zu leugnen, was die Wissenschaft längst als verbindlich erkannt
hat.“ 6

Wir bleiben immer nur „Wesen“, solange wir auf Wissenschaftler hören. Wir
kämpfen nicht um ein „Wesen“, um ein Gespenst, sondern um uns. Unser
Lebensrhythmus ist mit dem Lesen ethologischer Literatur nicht zu
vereinbaren. Was Wissenschaftler als „verbindlich anerkennen“, ist uns
völlig egal, es sei denn, daß wir die von ihnen aufgestellten Normen
zerstören müssen.

Der Untertitel des Buches von Pierre Krebs spricht für sich: „Ethnosuizid
in der multirassischen Gesellschaft der judäochristlichen Zivilisation des
Westens oder ethnokulturelle Neugeburt Europas in der organischen
Demokratie indoeuropäischer Prägung?“ – Wir lehnen jede Wissenschaft ab,
sei sie organizistisch oder holistisch.7 Wissenschaft mögen die
Indoeuropäer betreiben; wir sind keine Indoeuropäer, wir sind Ureuropäer.


Anmerkungen

1 Vgl. zur Nichtwidersprüchlichkeit von Staat und Herrschaftslosigkeit:
Ulrich Klug, Die geordnete Anarchie als philosophisches Leitbild des
freiheitlichen Rechtsstaats, in der Zeitschrift Neues Forum XIII/154, Wien
1966, dann in: Ulrich Klug, „Rechts- und staatsphilosophische Analysen und
Positionen“ (Bd. 1 von „Skeptische Rechtsphilosophie und humanes
Strafrecht“), Berlin, Heidelberg, New York 1981; im Netz unter dem Titel
„Die Anarchie als Verfassung des 4. Reiches“:
http://www.nationalanarchismus.org/adk/adk-theorie/Anarchie/anarc
hie.htmlUlrich Klug, oder Max Stirner: Reich & Staat,
http://www.nationalanarchismus.org/Nationalanarchismus/Auto10/sti
rner_reich_staat/stirner_reich_staat.html

2 Peter Glotz: Der Vordenker der Ökolibertären. Über Gustav Landauer, in:
Gustav Landauer im Gespräch. Symposium zum 125. Geburtstag. Herausgegeben
von Hanna Delf und Gert Mattenklott, Tübingen 1997, S. 182

3 Robert Michels, Soziologie des Parteienwesens, Stuttgart 1990, und
Masse, Führer, Intellektuelle, Frankfurt am Main 1987,
http://www.guajara.com/wiki/de/wikipedia/r/ro/robert_michels.html; Prof.
Dr. Hans Herbert von Arnim, http://www.hfv-speyer.de/VONARNIM/); Prof. Dr.
Dr. h.c. Erwin K. Scheuch (†),
http://www.wiso.uni-koeln.de/soziologie/scheuch/,

4 Vgl. die Auseinandersetzung mit Ernst Nolte in Peter Töpfer, Die
Vaterschaftslüge, und Peter Töpfer: Reich & Anarchie, in diesem Buch.

5 Johann Gottlieb Fichte: Ist das Recht, die Staatsverfassung zu ändern,
durch den Vertrag aller mit allen veräußerlich?

6 Pierre Krebs, Im Kampf um das Wesen, Ethnosuizid in der multirassischen
Gesellschaft der judäochristlichen Zivilisation des Westens oder
ethnokulturelle Neugeburt Europas in der organischen Demokratie
indoeuropäischer Prägung?, Horn 1998, S. 21

7 Vgl. Neue Kultur? Eine nihilistische Tabularasa als Grundlage einer
Neugeburt. Eine Lektüre der „Buchzeitschrift des Thule-Seminars e.V.“
ELEMENTE der Metapolitik zur europäischen Neugeburt 6/98, in: Sleipnir.
Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik, 1/2000, bzw. in diesem Buch.

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