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Der Nationalanarchismus – eine Art Manifest (TEIL II)
eingereicht von: St4r am 15.07.2004, 16:20 Uhr
Sonstiges 
Inhalt:

1. Der Glaube
2. Herrschen und Beherrschtwerden
3. Spontane Ordnung – gegen organizistischen Normativismus
4. Radikale Aufklärung
5. Gegen die Religion vom Menschen
6. Die neue Religion, die keine ist: das neue Weltklima
7. Der Urspungsmythos, der keiner ist: die Ureuropäer
8. Emanzipatorische Falle und Endstadium des Humanismus: der Hegelianismus
9. Warum nationale Anarchie?
10. Post- bzw. Nichtintellektualismus
11. Radikaler Individualismus, radikaler Kommunismus
12. Ultraresponsabilismus, Ultraliberalismus
4. Radikale Aufklärung

Die nationale Anarchie sieht sich in der Tradition der Aufklärung. Sie wird
nie verstehen, wie man von sich aus sagen kann, daß man etwas gegen
Aufklärung haben, d.h. wie man das Dunkel dem Hellen vorziehen kann, wie
man nicht immer weiter aufklären will, und sei es die Aufklärung. Genau so
wenig wird die nationale Anarchie je verstehen, wie Konservative sagen
können, die Nihilisten haben prinzipiell recht, aber ohne Religion gehe es
nun mal nicht, weswegen eine Religion – an die man nicht glaubt –
institutionalisiert werden müsse: Die anderen sollen dran glauben; von den
anderen wird dieser Glaube erwartet.

Man könnte diesen Konservativen Ehrlichkeit bescheinigen, und sie sind
gewiß sympathischer als jene, die dies gar nicht aussprechen.

Aber eine Lüge bleibt es dennoch, wenn auch eine, zu der man sich bekennt.

Anarchisten lehnen solche Lüge als unwürdig ab, sie sind zu ihr nicht
imstande. Sicher weiß auch der Anarchist oft nicht, wo ihm der Kopf steht,
und kann die Dinge nicht erkennen und begreifen, ist er oft unaufgeklärt.
Und bestimmt kann es manchmal auch Dinge geben, die er nicht wissen will.
Aber dann weiß ich sie wahrscheinlich einfach nicht und habe wahrscheinlich
wirklich keine Ahnung, was vor sich geht. Wie könnte ich aber behaupten,
sie nicht wissen zu wollen, da ich ja von ihnen und von meiner Unwissenheit
selbst kein Wissen habe? Es erscheint mir absurd und nicht möglich, bewußt
gegen Bewußtsein, d.h. Aufklärung, zu sein. Dennoch gibt es auf
konservativer Seiten Leute, die von sich sagen, sie seien gegen Aufklärung.
Viele Konservative führen – meiner Meinung nach – sehr viele
nachvollziehbare und vernünftige Argumente an, zeichnen sich in vielen
Punkten durch mehr Bewußtheit aus als ihre weltanschaulichen Gegner,
bringen sehr viel Licht ins Dunkel, das von Leuten gehütet wird, die sich
auf die Aufklärung berufen.

Die Aufklärung hatte schon immer Vertreter in ihren Reihen, die Aufklärung
nur bis zu einem bestimmten Punkt wollten. Ab dort mußten Tabus errichtet
werden, auch wenn Sprechverbote nicht gerade zum Programm der Aufklärung
gehören. Das hat dazu geführt, daß sowohl Gegner der Aufklärung, die –
malgré eux – zumindest in einigen Punkten aufgeklärter als die Aufklärer
waren, mundtot oder auch ganz tot gemacht wurden, oder es wurden Leute aus
den eigenen Reihen, die nur zu weit gingen, die sogenannten radikalen
Aufklärer, mundtot oder ganz tot gemacht. Hier sticht – neben Marx – vor
allem Nietzsche als Verräter an der Aufklärung hervor, der sich zunächst
mit Hilfe der Junghegelianer vom Christentum gelöst hatte (und es
bedauerte, die „geistesrege Zeit“ des Junghegelianismus nicht mit erlebt zu
haben 8 ), den nächsten konsequenten Schritt der Aufklärung, nämlich die
von Stirner vorgetragene Kritik an der Frömmigkeit der Atheisten und am
Obskurantismus der Aufklärer, nicht mehr mit ging, statt dessen Zuflucht
bei Schopenhauer suchte und schließlich, zum Philosophen („des Lebens“)
verdinglicht, ev’rybody’s darling der bürgerlich-gebildeten Gesellschaft
wurde.

Stellen die atheistischen bzw. aufklärerischen Religionen noch einen
Fortschritt (bzw. Rückschritt im positiven Sinne von Dekonstruktion und
Devolution) gegenüber den theistischen Religionen dar, so herrscht mit dem
Holocaustkult und der Judäoidolatrie wieder der nackte Asiatismus von
strafgesetzlich verankertem Glaubenszwang.

Der Elitismus der Pseudoaufklärer ist mit dem jüdischen Auserwähltheitswahn
ein Bündnis eingegangen.

Angefangen hat die Verräterei an der Aufklärung schon mit dem
Möchtegernaufklärer Gotthold Ephraim Lessing, der sich darüber freute, „daß
der König selbst zehn Exemplare davon ins Feuer geworfen hat“. Die Rede ist
hier vom Buch „Über das Glück“ von Julien Offray de La Mettrie; der
königliche Bücherverbrenner ist der „aufgeklärte Monarch“ Friedrich in
Potsdam. „Über das Glück“ ist die „einzige philosophische unter den
‚scandaleusen Schriften’ in den ehemals geheimen Dossiers über
‚konfiskierte Bücher’ dieser Zeit.“9 Lessing bezeichnete de la Mettries
Schriften als „Porneutik“. Und Diderot sagte über de la Mettrie: „Einen in
seinen Sitten und Anschauungen so verdorbenen Menschen schließe ich aus der
Schar der Philosophen aus.“ Wenig später starb de la Mettrie, nur
42-jährig, zu Friedrichs Hofnarren als letztem Refugium geworden, unter
bislang nicht aufgeklärten Umständen.

Ein weiterer Aufklärungsreaktionär ist Jean-Jacques Rousseau. Er schrieb in
seinem pädagogischen Hauptwerk: „Laßt euren Zögling immer im Glauben, er
sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine
vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit
zugesteht.“10

Dazu paßt, was ein weiterer Aufklärungsreaktionär, der Pseudoanarchist
Bakunin sagt, nämlich daß Kinder sich „bis zum Alter ihres Freiwerdens
(...) unter dem Regime der Autorität befinden müssen (...), damit die
herangewachsenen Jünglinge, wenn sie vom Gesetz freigemacht sind, vergessen
haben mögen, wie sie in ihrer Kindheit durch etwas anderes als die Freiheit
geleitet und beherrscht wurden“.11

Rousseau und Bakunin befinden sich in trauter Übereinstimmung mit Hegel:
„Hauptmoment der Erziehung ist die Zucht, welche den Sinn hat, den
Eigenwillen des Kindes zu brechen [...] Das Vernünftige muß als seine
eigenste Subjektivität in ihm erscheinen [...] Die Sittlichkeit muß als
Empfindung in das Kind gepflanzt worden sein.“12

Die nationale Anarchie gehört zu denjenigen, die radikal und konsequent die
Aufklärung fortführt. Endziel der Aufklärung und aller emanzipatorischen
Bemühungen ist, daß ich mich in einer Welt weiß, in der ich gern lebe. Es
soll nicht dazu kommen, daß ich etwas aus meinem Bewußtsein verdrängen muß,
weil das absurd ist, zur Selbstzerstörung führen muß bzw. diese ist und
auch nur in einer solchen Situation passieren kann, wo mir etwas
unerträglich Schmerzliches zustößt, die also zu verändern ist. Die
Aufklärung wirkt dementsprechend an der Aufhebung der Zivilisation, weil es
das tiefste Charakteristikum und der tiefste Widerspruch der Zivilisation
ist, daß ich, der ich ihr angehöre und mit anderen Ichen diese Zivilisation
erst bilde, ich selbst sein, d.h. gemäß meiner Wahrheit leben, d.h. sie
verkörpern und frei ausdrücken will – ich das aber gleichzeitig in ihr
nicht kann.

Einerseits verkauft sich das Echte – in geistiger oder materieller Form –
gut, denn das wollen ja bis zu einem bestimmten Grad alle haben. Aber der
Satz „je wahrer, desto besser“ hat dennoch keine Gültigkeit. Ein Rap-Star
wie Eminem verkauft einerseits deswegen Millionen von Platten, weil er sich
hochgradig echt ausdrückt. Aber er darf, obwohl er und das Publikum das
dringende Bedürfnis danach haben, auf keinen Fall die ganze Wahrheit sagen.
Dann würde er den Kapitalismus und die Zivilisation verlassen.

Es ist offenbar nur dem freien und unabhängigen Bauern oder Naturmenschen,
dem Menschentier vergönnt, in der Wahrheit zu leben.

Endziel der Aufklärung und der Emanzipation ist also die Herstellung der
Zufriedenheit und der Spannungslosigkeit des Einzelnen, d.h. ein Zustand
ohne Verdrängung, was gleichzeitig sowohl eine Gemeinschaft Zufriedener zur
Voraussetzung hat als auch diese erst bildet (Stirners „Verein der Egoisten“).

Das ist freilich nur von wenigen – den radikalen – Aufklärern so gesehen,
formuliert und gewußt worden (de la Mettrie, Max Stirner, Wilhelm Reich,
Arthur Janov). 13 Es geht um die Wiederaufnahme, Radikalisierung und
Realisierung der aufklärerischen Ansätze. Es gilt dort fortzusetzen, wo
ihre bislang radikalsten Vertreter von der Reaktion innerhalb der
Aufklärung (Diderot, Marx, Freud) erstickt wurden. Es gilt, den von den
Pseudoaufklärern errichteten Schleier, nämlich die Religion der Aufklärer,
die Menschlichkeitsreligion, zu zerreißen und konsequent an einer
Bewußtwerdung aller Motive unseres Handelns, alle unsere Bedürfnisse, zu
wirken.

Dazu gehört die konsequente Bejahung unserer Bedürfnisse und das Streben,
diese zu befriedigen. Die Aufklärung darf nicht dort Schluß mit der
Bewußtwerdung machen, wo sich die Bedürfnisse als nicht opportun, als
primitiv, als unmoralisch und als den Kapitalismus störend erweisen.

Sie muß über das rein Denkerische hinausgehen und sich nicht länger mit
Beschreibungen und Analysen zufrieden geben – „ich kann alles ertragen,
solange ich weiß, was vor sich geht“: Dieses Wissen ist eigentlich kein
Wissen, kein Bewußtsein, sondern Opium, das mir die tatsächliche
Nichtbefriedigung meiner Bedürfnisse erträglich macht.

Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß Bewußtsein (Klarheit)
mehr ist, als Wörter zu benutzen und Analysen von Dingen herzustellen.

Aufklärung ist mehr als Erklärung.

Aufklärung darf sich vor keiner Bewußtwerdung scheuen, vor allem aber nicht
der Bewußtwerdung unserer Gefühle, weil es die Gefühle sind, die uns
hauptsächlich ausmachen.

Aufklärung heißt: Offenlegung und Entfaltung des Wirklichen, heißt Wahrheit
ohne Grenzen: Das Wirkliche entfaltet sich ganz. Bei der Erklärung werden
nur Lichtstrahlen in das ganze hinabgeworfen; hier bleibt es beim Status
quo, nur daß man das Gesehene mit Namen versieht.

Wirkliche Aufklärung setzt sich sofort in Handlung um. Wenn wir wirklich
Licht, d.h. Bewußtsein, in uns eindringen lassen und die Wahrheit wirklich
akzeptieren, ist eine entsprechende Handlung die notwendige Folge; dann
können wir nicht mehr anders als handeln.

Bernd A. Laska, der sich an vorderster Front um die Wiederaufnahme und
Fortsetzung der Aufklärung bemüht14 , schreibt: „Stirners Postulat, die
(alte) Aufklärung, die im kognitiv-rationalen Bereich operierte, sei am
Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue, im
affektiv-emotionalen Bereich operierende – und damit ‚praktisch’ werdende –
fortzusetzen (…), dieses Postulat stieß bis heute stets auf spontane
Abwehr.“15

Es ist aber an der Zeit, uns nicht mehr länger gegen unsere Gefühle, gegen
unser wirkliches und eigentliches Selbst, unsere wirklichen Interessen, zu
wehren, auch wenn es oft sehr unbequem und sogar schmerzlich ist oder es
einigen Herrschaften nicht paßt.



5. Gegen die Religion vom Menschen

Die Religionen von vor der Aufklärung sind tot, es gibt nur noch die
Religion der inkonsequenten, zur Macht und in Widerspruch zu sich selbst
gekommenen Aufklärer, die „den Menschen“ zum zu erfüllenden Ideal, zur
Göttlichkeit erhoben haben.

Dabei haben die sog. Wissenschaftler eine herausragende Rolle gespielt. Sie
sind die Pfaffen der neuen Religion.

Doch wir wollen wir selbst sein und nicht das erfüllen, was von einem
Menschen oder „dem Menschen“ oder von der „biologischen Rolle des Mannes“
usw. von Wissenschaftlern gesagt wird.

Seit Jahrhunderten wird nach dem „Wesen des Menschen“ geforscht, um den
Menschen angeblich auf diese Weise in der Politik gerecht zu werden, um
eine „menschliche Politik“ zu machen. Einfacher, effizienter und uns
gerechter wäre es aber, nach dir und mir zu fragen, wie es uns geht, uns
direkt auftreten zu lassen und uns unsere Dinge alleine, oder miteinander
in Verhandlungen, regeln zu lassen.

Der Humanismus ist – positiv betrachtet – ein auf halbem Wege
stehengebliebener Egoismus. Er will dem Menschen gerecht werden, der – so
weit stimmt die Eigenschaftszuweisung durchaus – verletzlich,
schmerzempfindlich, bedürftig ist und dessen Bedürfnisse befriedigt werden
sollten, damit er zufrieden und heil ist.

Damit ist die volkstümliche Bedeutung von Humanismus gekennzeichnet:
„menschlich sein“ heißt hier: nicht verletzen, Achtung vor dem anderen
haben, wissen, was weh tut, dem anderen das Heil gönnend.

Dieser Inhalt muß unbedingt gewürdigt, aber er muß radikalisiert werden.

Negativ betrachtet aber verrennt der Humanismus sich in einen Exzeß der
Objektivierung und Beschreibung des „wirklichen Wesens“ des Menschen, hat
nur noch den Menschen im Blick und meint am Ende keinen einzigen Menschen,
sondern nur noch ein „Wesen“, also etwas vollkommen abstraktes, einen
Geist, den es eigentlich nirgends wirklich gibt und dessen Eigenschaften
nichts als Normen und Vorschriften sind. Aus dem „Aufklärungshumanismus“
wird dann der „reale Humanismus“ der Kommunisten und artet in der offenen
Diktatur – alles für das Wohl des Menschen – derjenigen aus, die den
tiefsten Wesensgrund des Menschen erfaßt, eigentlich aber nur die größere
Bestialität aufweisen bzw. die größere „Humanität“, denn kein Tier der Erde
kann jemals so grausam sein wie die Menschen.

Selbst wenn der Humanismus differenziert – was er durchaus tut –, so
differenziert er nicht bis zu Ende: Dort müßte nämlich jeder Einzelne, aber
keine Gattung mehr übrig bleiben.

Der Humanismus hat aber nicht nur in seiner aggressivsten Ausformung, dem
Kommunismus, sondern in allen Spielarten diktatorische Züge; seine
Beschreibungen des Menschen haben politische Zwecke, d.h. sie sind
Behandlungsanweisungen bzw. Vorschriften. Nie hebt er, trotz behaupteter
Absichten, die Entfremdung auf; das tut nur das Gegenteil des Fremden: das
Eigene.

Die alles entscheidende Waffe der Zivilisation in ihrer heutigen Ausformung
(Globalkapitalismus), d.h. die Hauptwaffe des aggressivsten Teils des
Bürgertums – die Plutokratie – ist die von den Pseudoaufklärern zubereitete
Menschlichkeitsreligion.

Wenn wir Selbstbestimmung wollen, gilt es, diese Waffe zu entschärfen. Es
gilt, den Mitbewohnern unserer Landstriche zu zeigen, daß sie im harten
Griff der Geißel ihrer Schuldgefühle in der Menschenrechtsfalle gefangen
sind. Es gilt, die Gutmenschen aufzuklären und ihnen zu sagen, daß der
Globalkapitalist sich tot lacht, wenn er ihre „Liebe“ in seinen Dienst nimmt.

Empfindungen und Mitleid mit anderen Menschen ist das Eine, das Gute; etwas
Anderes ist es, sich moralisch erpressen zu lassen, „den Menschen“ lieben
zu sollen, und zwar gerade da, wo es dem Globalkapitalisten gerade von
Nutzen ist.

Den „Menschen“ gibt es nur in der globalkapitalistischen Religion. Es gilt,
die vom Bürgertum Korrumpierten oder an der bürgerlichen Herrschaft
Partizipierenden als solche und als Verhinderer der Entspannung zu
entlarven und ihre zynischen humanistischen Masken herunterzureißen.

Die amerikanische Führung zeigt jetzt ihr wahres Gesicht. Nur noch ihre
korrupten Lakaien rechtfertigen ihre Parteinahme mit der
Menschenrechtsideologie.

Die religiöse Waffe des liberalen Bürgertums ist eine schreckliche, weil
unsere intimsten Gefühle manipulierende und korrumpierende Waffe: „Der
Mensch ist der letzte böse Geist oder Spuk, der täuschendste oder
vertrauteste, der schlaueste Lügner mit ehrlicher Miene, der Vater der
Lügen.“ (Max Stirner16 )

Es gilt, um wirklich und effektiv die stärkste Waffe der Globalkapitalisten
unschädlich machen zu können, den rationalen Kern der
Menschenrechtsideologie herauszustellen und sich in aller Deutlichkeit zu
diesem zu bekennen, d.h. zu sagen: Ich will meinem Mitmenschen nicht weh
tun, aber deshalb lasse ich mich nicht von Humanisten erpressen und
benebeln, die – trotz Bekenntnis zu den „Rechten“ des Menschen – Millionen
von Menschen gemordet haben und morden. Ein solches Bekenntnis gegenüber
etwas letztlich Abstrakten ist immer ein Lippenbekenntnis gegenüber der
Menschlichkeit im Sinne des Nicht-Schaden-Wollens, gegenüber dem konkreten.
Im Konkreten und in Abwesenheit von Normen („Menschenrechte“) wird es zwar
– leider, wir wollen alles dagegen tun – unter Umständen auch hart zu
gehen, aber die Anzahl der Opfer oder der Leidenden wird vergleichsweise
viel geringer sein als in der kapitalistischen Massenglobalgesellschaft, in
der es trotz heiliger „Menschenrechte“ immer wieder zu Massenelend und
Massensterben bzw. -mord kommt.

In einer primitiv-anarchischen Gemeinschaft gibt es keine „Rechte“. Aber es
gibt mehr spontane, auf Mitgefühl basierende Achtung vor dem anderen, und
der andere ist kein „Mensch“, sondern er ist Peter oder Paul. Wir achten
ihn nicht, weil er Mensch ist, sondern weil wir ihn als fühlendes und uns
ähnelndes Lebewesen kennen. Er kommt nicht aufgrund einer simplen Idee (die
vom Menschen und seinen angeblichen Rechten – vom wem gewährt?) oder von
Gesetzen in den Genuß von Achtung, sondern aufgrund von erlebten Gefühlen,
die unmittelbar nachvollzogen werden: Das ist die wirkliche Erweisung von
Achtung, das ist viel mehr als das Papier, auf das „Menschenrechte“ und
Unterschriften gebracht werden.

Je größer eine Gesellschaft, desto weniger Mitgefühl. In der
Weltmassengesellschaft dann sterben Tausende von Menschen, die Teil der
Weltmaschine und von ihr abhängig sind, ohne daß sie durch Mitgefühl
gerettet würden: Sie sind weit weg. Menschenrechts- und humanitäre bzw.
karitative Organisationen stabilisieren – sofern sie überhaupt subjektiv an
einer Linderung des Leids interessiert sind und nicht nur im Humanen eine
Marktlücke gefunden haben – mit ihren Einsätzen nur die verlogene und
heuchlerische Praxis des Kapitalismus.

Es gilt, die humanistische Aufklärung zu radikalisieren, d.h. den
rationalen Kern von dem ihn umgebenden Dunst zu befreien: Nicht um
irgendeinen „Menschen“ geht es, sondern es geht um mich und meine Gefühle
zu anderen Menschen. Ich als empfindender Mensch möchte nicht, daß anderen
weh getan wird. Dann wird es gelingen, diese Ideologie aus dem Arsenal der
globalkapitalistischen Propaganda zu entfernen.

Doch der Kapitalismus und seine Menschlichkeitspropaganda ist ungeheuer
stark. Das Bürgertum scheint unüberwindlich mächtig zu sein. Wir sind alle
Bürgertum und jagen dem Geld nach. Seine Macht liegt im Humanismus
begründet, der zu einer veritablen Religion geworden ist und einen
übermächtigen Gott hat: den Menschen. Der Kapitalismus nutzt eiskalt das
Mitgefühl der Menschen mit ihren Artgenossen aus. Am Ende merken die
Menschen an allen Ecken der Welt nicht mehr, daß sie an der Nase
herumgeführt und gegenseitig ausgespielt werden.

Max Stirner schreibt: „Aber auch der Form nach erklärt sich der
Liberalismus als Religion, wenn er für dies höchste Wesen, den Menschen,
einen Glaubenseifer fordert, ‚einen Glauben, der endlich auch einmal seinen
Feuereifer beweisen wird, einen Eifer, der unüberwindlich sein wird’.“17

Kein Gott wird so eifrig angebetet und keinem Gott unterwirft der Mensch
sich so vollständig wie „dem Menschen“. Die Perfidität dieser Propaganda
ist um so schwieriger zu durchschauen, als die Versuche, den bürgerlichen
Humanismus zu überwinden, stets in riesige Katastrophen geführt haben.

Kein König thronte je so souverän wie der Fürst der Finanzen.

Schon im Anfang war sich das religiöse Bürgertum der Stärke seines Glaubens
sicher, dieser Glaube konnte auch durch keine Metzelung von Millionen von
Menschen in der Kolonialzeit und von keinem Atombombenabwurf erschüttert
werden. Die Menschheit ist die Geißel der Menschheit. Sie sitzt tief, sehr
tief.

Ernst Jünger wußte um die Stärke der bürgerlichen Propaganda und die
Machtlosigkeit des Faschismus, d.h. der „falschen Mittel, die Moderne zu
überwinden“ (Hans-Dietrich Sander): „Ganz unbestreitbar ist, daß in unseren
Händeln die humanen Ideale länger hielten und weiter führten als die
heroischen. Das rührt nicht daher, daß sie jünger, moderner,
fortschrittlicher, sondern daher, daß sie älter sind, auf tieferen Bestand
zurückgreifen. (...) Das Humane siegt deshalb ob, weil es dem Kern des
Menschengeschlechts näher ist als das Heroische. Es liegt dichter am
Goldenen Zeitalter.“ 18

Und weiter: „Es ist kein Zufall, daß die Vorbilder der im Zweiten Weltkrieg
geschlagenen Mächte der Bronze- und der frühen Eisenzeit entstammten: der
nordische Mensch, der antike Römer, der japanische Samurai. Daß sie nicht
siegen konnten, entspricht der Grundregel, daß der Mythos nicht
wiederherzustellen ist, daß er zwar vulkanisch die Geschichtsdecke
durchbrechen, nicht aber ein Weltklima schaffen kann.“19

So wie das Humane stärker ist als das Heroische, weil es unter ihm liegt
und seine Grundlage ist, so sind aber wiederum „die Spiegelungen des
‚Goldenen Zeitalters’ stärker als alle anderen“ (Ernst Jünger20 ), also
stärker auch als das Humane.

Infolgedessen kann das Humane, sprich: der Liberalismus mit seinen
Millionen von Opfern, nur von einem bezwungen werden: vom Goldenen
Zeitalter. Das Goldene Zeitalter liegt allem zugrunde, und nichts Stärkeres
gibt es als die Sehnsucht nach Frieden, Selbstbestimmung und das eigene Leben.

Nur das Eigene wird das Humane besiegen können.

Aber nicht als Mittel oder Waffe in einem Kampf. Das Eigene kann, wenn es
wirklich eigen ist, immer nur viel mehr sein als ein irgendwie gearteter
Zweck. Das Eigene lebt aus sich und für sich. Es hat nur sich selbst bzw.
die Befriedigung seiner jeweiligen Bedürfnisse zum Zweck. Willst du es zu
irgend etwas einspannen, willst du ihm ein Ziel geben, hört es auf.

Die derzeit zu beobachtende Zuspitzung der Menschlichkeitsreligion und ihr
gleichzeitiger Rückfall in eine sehr weit vor der Aufklärung liegende
Religiosität ist der Holocaust-Kult. Nimmt das Schaf im Rahmen der normalen
Menschlichkeitsreligion alles im Namen der Menschheit und nach Appell an
seine Schuldgefühle alles hin, so wird im Holocaust-Kult nicht mehr
appelliert, sondern despotisch bis auf das Komma vorgesagt, bis auf die
genaue Zahl der Holocaust-Opfer (6.000.000) die Wiedergabe des Dogmas
erzwungen und die geringste Kritik am zentralen Heiligtum des Kultes bei
Gefängnisstrafe verboten.

Der Holocaust als Religion, als Anspruch absoluter Herrschaft, nicht als
historisches Ereignis, das, wie überhaupt Geschichte, für die nationale
Anarchie von keinem Interesse ist, steht von daher der nationalen Anarchie
am meisten im Wege. Auch hier trifft die radikale Aufklärung direkt auf die
zu Mystikern im Dienste weltlicher und globaler Herrschaft gewordenen Ex-
und Pseudoaufklärer, die heute ihre ärgsten Feinde sind.

Es gilt, die Amalgamierung von Aufklärung bzw. pseudoaufklärerischer
Propaganda und totalem religiösem Fanatismus endgültig und gründlich
aufzulösen. Durch den offenliegend asiatisch-despotischen Charakter der
Holocaust-Religion und der Zuspitzung der Menschlichkeitsreligion in einen
für Europa und die ganze Welt seit Jahrhunderten nicht mehr für möglich
gehaltenen Exzeß kommen beide momentan ins Taumeln.


Anmerkungen

8 Brief Nietzsches an Raimund Granier, September 1865, zit. nach Bernd A.
Laska, „Nietzsches initiale Krise. Die Stirner-Nietzsche-Frage in neuem
Licht“, in: Germanic Notes and Reviews, vol. 33, Nr. 2, 2002, oder
www.lsr-projekt.de/nietzsche.html

9 Bernd A. Laska, Einleitung zu: Über das Glück oder Das höchste Gut
(„Anti-Seneca“), Nürnberg 1985, S. VIII-IX

10 aus: Émile oder Über die Erziehung, UTB-Ausgabe 13. Auflage, S. 358,
zit. nach einem Beitrag von Bernd A. Laska auf dem vom Goethe-Institut in
Sao Paulo organisierten deutsch-brasilianischen Wilhelm-Reich-Seminar im
November 2002, http://www.lsr-projekt.de/poly/ptwreduc.html

11 Michail Bakunin, Prinzipien und Organisation der internationalen
revolutionären Gesellschaft (1866), in: Gesammelte Werke, Bd. 3, Berlin,
Der Syndikalist 1924, S. 25, zit. nach Bernd A. Laska, „Katechon“ und
„Anarch“. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner,
Nürnberg 1997, S. 42/43 oder http://www.franken.de/users/lsr/mseigner.html.

12 G.W.F. Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, §§ 174, 175,
zit. nach Bernd A. Laska, ebenda S. 42/43 oder
http://www.franken.de/users/lsr/mseigner.html.

13 www.lsr-projekt.de

14 www.lsr-projekt.de

15 Bernd A. Laska, Ein dauerhafter Dissident, 150 Jahre Stirners
„Einziger“. Eine kurze Wirkungsgeschichte, Nürnberg 1996, S. 103

16 Max Stirner, Der einzige und sein Eigentum, S. 202

17 ebenda S. 193, der Zitierte ist Bruno Bauer, Die Judenfrage,
Braunschweig 1843, S. 62

18 Ernst Jünger, An der Zeitmauer, Gesammelte Werke, Stuttgart 1963, S. 494

19 ebenda S. 496

20 ebenda S. 492


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