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Der Nationalanarchismus – eine Art Manifest (TEIL III)
eingereicht von: St4r am 15.07.2004, 16:21 Uhr
Sonstiges 
Inhalt:

1. Der Glaube
2. Herrschen und Beherrschtwerden
3. Spontane Ordnung – gegen organizistischen Normativismus
4. Radikale Aufklärung
5. Gegen die Religion vom Menschen
6. Die neue Religion, die keine ist: das neue Weltklima
7. Der Urspungsmythos, der keiner ist: die Ureuropäer
8. Emanzipatorische Falle und Endstadium des Humanismus: der Hegelianismus
9. Warum nationale Anarchie?
10. Post- bzw. Nichtintellektualismus
11. Radikaler Individualismus, radikaler Kommunismus
12. Ultraresponsabilismus, Ultraliberalismus
6. Die neue Religion, die keine ist: das neue Weltklima

Max Stirner schreibt von einem neuen „Weltklima“, das jetzt aufzieht. Das
Eigene ist es, das dieses neues „Weltklima“ schafft. Dieses neue Weltklima
zeichnet sich dadurch aus, daß die Menschen sich auf ihr Eigenes besinnen.
Besinnen muß hier wörtlich verstanden werden: Die Menschen werden wieder
sinnlich; der Intellektualismus stirbt.

Sämtliche geistigen Produkte verlieren an Bedeutung, nur das sinnlich klar
Faßliche behält und gewinnt Bedeutung. Die Normen werden immer relativer,
sie verlieren zunächst mehr und mehr an Gültigkeit und Befolgung. Dann
sterben sie völlig ab und machen nackten Interessen Platz. Dann zieht der
Eigner, bzw. dann ziehen die Eigner auf, denn es sind viele, und der Eigner
ist nichts als eine paraphilosophische Figur und als solcher Geist und von
daher unbedeutend.

Dann ziehen die wirklichen Menschen auf, wie sie wirklich sind und nicht
von Philosophen und Wissenschaftlern definiert und vorgeschrieben werden.

Seinen Anfang wird das Aufziehen des neuen Weltklimas in Europa haben, weil
hier das Goldene Zeitalter noch seine meisten Überbleibsel hat (Freiheit,
Selbstbestimmung, Wertschätzung der Unversehrtheit, Liberalismus usw.).

Es waren die Europäer, die sich trotz aller Wüstenstürme, die in sie
hineingefegt sind, die Erinnerung an das unberührt Eigene erhalten haben
und die zahlreiche Versuche unternommen haben, es wieder herzustellen. Alle
diese Versuche können unter dem Begriff „Aufklärung“ zusammengefaßt werden.
Die Aufklärung hat immer wieder Rückschläge erlitten und ist immer wieder
von ihren eigenen Vertretern verraten worden (Diderot, Marx, Nietzsche,
Freud) und hat ihre konsequentesten und radikalsten Vertreter (la Mettrie,
Stirner, Reich) mit Mitteln bekämpft, die denen der Reaktion an Falschheit
übertrafen.

Die Europäer haben also über Jahrhunderte versucht, das Fremde, das das
Eigene zerstört, zurückzuwerfen und seine schlimmen Folgen zu heilen. Die
Europäer haben sich infizieren lassen und selbst die Welt erobert und
geknechtet. Jetzt müssen sie all das wieder rückgängig machen.

Jetzt kommen die Europäer wieder auf den Grund von allem: sie selbst und
ihr Eigenes. Sie lassen sich nicht mehr von Worten und Begriffen
ruhigstellen, sie begnügen sich nicht mehr mit Hirngespinsten und
Veränderungsphantasien. Nein, jetzt gehen sie ans Ganze: Wir wollen nur
noch wir selbst sein, und zwar wirklich, nicht nur in Träumereien und „im
Glauben“, in Zukunftsprojektionen. Wir glauben nur noch an uns selbst und
an das, was wir sehen und fühlen, was wir wahrnehmen können. Jedes Dogma,
jede Ideologie, je Weltanschauung fällt vollständig weg. Wir sind die
definitiven Himmelsstürmer; wir erstürmen ein letztes Mal den Himmel und
leben dann endlich nur noch dort, wo wir eh nur leben können: auf dem
Boden, wo wir es uns gemütlich machen.

Dieses neue, das aufziehende Weltklima beschreibt Max Stirner wie folgt:
„Hat das Mongolentum das Dasein geistiger Wesen festgestellt, eine
Geisterwelt, einen Himmel geschaffen, so haben die Kaukasier Jahrtausende
mit diesen geistigen Wesen gerungen, um ihnen auf den Grund zu kommen. Was
taten sie also anders, als daß sie auf mongolischen Grund bauten? Sie haben
(…) den mongolischen Himmel gestürmt. Wann werden sie diesen Himmel endlich
vernichten? Wann werden sie endlich wirkliche Kaukasier werden und sich
selber finden? (…) Das wahre Ende des Himmelstürmens ist der –
Himmelssturz, die Himmelsvernichtung. Das Verbessern und Reformieren ist
das Mongolentum des Kaukasiers…“21

Das „neue Weltklima“ wird das des „wirklichen Kaukasiers“ sein. Der
wirkliche Kaukasier hat keinen Himmel mehr, er setzt keine neue Himmel an
die Stelle der alten. Was Stirner nicht wußte – was aber auch nicht weiter
wichtig ist –, ist, daß die Kaukasier die Mongolen sind.



7. Der Urspungsmythos, der keiner ist: die Ureuropäer

I’ve watched the gods of war enjoying their feast I’ve seen the western
world go down in the east The food of love became the greed of our time And
now we’re living on the practice of crime Black Sabbath, Hole in the Sky

Die Mongolen fielen als erster bekannter Wüstensturm nach Europa ein und
terrorisierten und unterwarfen dort die einheimischen Nationen. Diese
Nationen waren keine aus Kaukasien stammenden Germanen, keine Arier, keine
Mongolen, sondern ansässige Ureuropäer.

Stirner meint diesen Ureuropäer, wenn er vom „wirklichen Kaukasier“
schreibt. Der Kaukasier war eben nicht der Ureuopäer, sondern dessen
asiatischer Antipode, der den Ureuropäer heimsuchte, in Kriege verwickelte,
entfremdete und ihn, sich mit ihm vermischend, zum Europäer machte
(Germanen, Kelten, Slawen). Der Ureuropäer, der Prägermane, war noch frei,
noch „Eigner“; später wurde einer der Seinen als höchster Gott „Frey“
verklärt.

Die nationale Anarchie ist Ausdruck dieser ureuropäischen Nationen,
wenngleich sie – da geht es ihr wie anderen Urvölkern – Ursprungsmythen
hat, diese aber, im Unterschied zu den Zivilisierten, nicht all zu ernst
nimmt.

Bei Weltbeginn, so weiß es die germanische Mythologie, gab es einen
„Gründungskrieg“ zwischen den Wahnen und den Asen. Diese werden Völker
gewesen sein, aber sie stehen für grundsätzlich verschiedene Lebensweisen.
Es handelt sich hier nicht um den Beginn der Welt, sondern um einen
entscheidenden Teil der Entstehung des heutigen Europas, auch wenn er
außerhalb Europas stattgefunden hat.

Das heutige Europa ist in sich gespalten bzw. setzt sich aus im
wesentlichen drei verschiedenen Herkünften zusammen: die alteuropäische,
die wahnische und die asische. Diese Spaltung verläuft durch jeden
einzelnen Europäer. Wir alle haben Anteile dieses Erbes in uns; jeder in
seiner ihm eigenen Mischung.

Weitere Bezeichnungen für die Alt- oder Ureuropäer sind: die Pelasger (die
Urgriechen), die Megalithiker oder die Europäer der Bronzezeit. Diese
unterteilen sich in die großen Gruppen Vorkelten, Vorgermanen und
Vorslawen, denn Kelten, Germanen und Slawen sind bereits nur noch
Halbeuropäer, asiatisierte Ureuropäer. Aus Ureuropäern wurden später – im
Ergebnis einer Überlagerung durch Asiaten – sogenannte Indoeuropäer: zum
Alteuropäischen kam etwas hinzu, das auch die Inder abbekamen: Der massive
Einfluß von Asiaten, die sowohl nach Westen bzw. Nordwesten als auch weiter
nach Osten bzw. Südosten zogen. Eine bessere Bezeichnung für „Indoeuropäer“
wäre der Begriff „Asioeuropäer“ und, analog dazu, „Asioinder“ – die aus den
Ur-Indern entstanden.

Die Urzeitforschung geht fälschlicherweise davon aus, daß die Indoeuropäer
eine urtümliche und homogene Gruppe bildeten und immer noch – obgleich
geographisch voneinander getrennt und in zwei große Gruppen unterteilt –
bilden: die westliche in Europa und die östliche in Indien. Daher hätte der
Begriff Indoeuropäer seine Berechtigung. In Wahrheit sind sowohl
(Ur-)Europäer als auch (Ur-)Inder (oder Ur-Perser) nicht verwandt, sondern
haben lediglich den gleichen asiatischen Einfluß über sich ergehen lassen
müssen, was sie zu Stiefgeschwistern macht. Die Gemeinsamkeiten in Sprache
und Mythen der Inder und Europäer sind – abgesehen von Universalismen –
lediglich Ablagerungen der sie jeweils erobernden Asiaten.

Diese Eroberung und der sich daraus ergebende Einfluß ging von Asiaten aus,
die aus dem Gebiet stammten, das auf halber Strecke zwischen Indien und
Europa liegt. Dieses Land, das in der germanischen Mythologie Asenland (mit
Hauptstadt Asgorod) heißt und als Ur-Asien gelten kann, war durch
katastrophale klimatische Veränderungen unfruchtbar geworden, so daß seine
Bewohner – die Asen – ihre Nachbargebiete, die noch Nahrung hergaben,
eroberten. Dabei werden sie auf etliche einheimische Völker gestoßen sein,
doch folgenreich für uns Europäer (wie auch für die Inder, im Prinzip aber
für die ganze restliche Welt) war dabei die Begegnung und die Vermischung
der Asen mit dem seßhaften Volk der Wahnen, denn aus dieser Vermischung
entstand ein Zwittervolk, das bis nach Europa vordrang und seine
Unstetigkeit und Rastlosigkeit allen Völkern, denen es begegnete, aufzwang.

Die Wahnen sollen an der Mündung des Dons in das schwarze Meer gewohnt
haben. Der Don mag der Grenzfluß zwischen ihnen und den Asen gewesen sein.
Sie können aber auch weiter im Inneren Europas gewohnt haben, denn „der
Name Wahnen kommt am Schwarzen Meer nirgends vor“22 . Es ist auch völlig
gleich, ob das asische und das wahnische Prinzip dort oder erst später,
weiter im Westen, aufeinandergestoßen sind. Womöglich sind die Asen erst in
Kern- oder Nordeuropa auf die Wahnen gestoßen; demnach wären die Wahnen mit
den Ureuropäern identisch.

Die ersten, die die kriegerischen Asennomaden infiziert, d.h. verast
hatten, waren die friedliebenden Wahnenbauern. Diese lebten in üppigen
Gegenden, die von einer Verwüstung verschont geblieben waren. Erinnerungen
an diese Zeit leben in Mythen fort. Freyja und Frey waren charismatische
Wahnen, die später rückblickend zu Göttern verklärt wurden, die für
Fruchtbarkeit, Wohlstand und Glück standen bzw., mythisch erhöht und
verfälscht, für die Üppigkeit „verantwortlich gewesen“ sein sollen.

Selbst hatten die Wahnen keine Mythen. Freyja und Frey waren lediglich
Menschen, die sich durch besondere Schönheit und Stärke auszeichneten. An
sie hätte sich unter den Wahnen und später unter den wahn-asisch
überlagerten Ureuropäern aber niemand erinnert, wenn diese nicht in
tragische Berührung mit den Asen gekommen wären. Freyja und Frey waren die
bekanntesten Exemplare der letzten freien Wahnen. Erst durch die
Überlagerung Wahniens und später Ureuropas entstanden Erinnerungen an die
paradiesischen Zustände.

„Götter“ waren den Ureuropäern unbekannt. Erst im Nachhinein, als ihnen der
Krieg von den Asen bzw. Indoeuropäern aufgezwungen wurde und sie sich
verhärten mußten, erinnerten sie sich an das Goldene Zeitalter und an die
letzte Führerin und den letzten Führer, deren Führertum aber kein
Herrschertum war und auch keine große Rolle gespielt hat wie später bei den
militärischen Auseinandersetzungen. Und so idealisierte man Freyja und
Frey. Wehmütig hörten die ehemaligen Ureuropäer den Alten zu, die von einer
Zeit erzählten, als alles noch warm, herzlich, liebevoll und gemütlich war
und die Menschen in matriarchalen Sippen lebten. Freyja und Frey waren
Geschwister, sie waren keine Götter, sondern normale Menschen.

„Im Garten Eden gibt es kein Heiligtum.“ (Ernst Jünger 23 )

Alles Heilige muß also aufgelöst, d.h. in Heiles rückverwandelt werden,
wenn wir in den Garten Eden zurückwollen. Und das wollen wir.

Ob sie wollten oder nicht – die alten Europäer, die Wahnen, mußten, vom
ersten Dominostein angestoßen, mit den Asen auf die Fahrt durch die Welt,
weil ihr Land abgeweidet und zerstört war.

Ab jetzt – das war der Beginn dessen, was man „Geschichte“ nennt – stießen
Völker in Kriegen aufeinander, machten sich die Ressourcen streitig,
verdrängten sich, wichen oder rotteten sich aus, flüchteten voreinander
oder warfen sich fanatisch in den Kampf, unterwarfen sich oder warfen sich
zu Herren auf, vermischten sich, lösten Bewegungen und sog. Wanderschaften
aus: Die große Unruhe und das große Chaos kam in die Welt, die sich von nun
an durch Leid, Schmerz und vielen Millionen von Opfern menschlicher Gewalt
auszeichnete. Dieses Elend hält bis heute an und wird erst am Ende der
Geschichte, das der Nationalanarchismus vollzieht, enden.

Vor ihrer schicksalhaften Begegnung lebten die Wahnen am östlichen Rand
Europas, die Asen am westlichen Rand Asiens im heutigen südlichen Rußland
diesseits und jenseits des Flusses Don, der die Grenze zwischen Europa und
Asien bildet. Die Wahnen lebten seßhaft, friedlich und matriarchal
organisiert auf fruchtbarem, europäischem Boden. Sie waren ein „glänzendes,
lichtes Geschlecht, die mit Jahressegen, Frieden und Reichtum zu schaffen
haben“24 und „im Naturzustand verharrten“25 . Sie paarten sich unter
Geschwistern, das im „deutlichen Gegensatz“ zu den „kriegerischen,
geistesmächtigen Asen, die sich im Besitz höherer sittlicher
Anschauung“26 befanden und streng patriarchalisch-familiär verfaßt waren.27

Die Asen waren zunächst auch friedlich, wurden aber, nachdem ihr Land durch
eine Naturkatastrophe unfruchtbar wurde, zu Reiterkriegern, die ihre
angestammte, nun aber verwüstete und versteppte Heimat im Asenland
(Ur-Asien) verließen und nun nomadisierend, raubend und erobernd
fruchtbares Land heimsuchten, den landwirtschaftlichen Anbau abweideten und
die ansässigen Bauern unterjochten. Sie gelten als kriegerisch, brutal,
ihrer Natur entfremdet, vergeistigt und intellektuell. Ihr vornehmstes
Zeichen ist, daß sie ihre Kinder abrichten wie ihr Vieh. Säuglinge werden
Höllenqualen ausgesetzt:

„Eine Reihe weiterer traumatischer Faktoren stehen insbesondere mit der
harten Lebensweise in Wüsten und Dürregebieten in Verbindung. Ein wichtiges
Beispiel stellt die Verwendung eines bestimmten Rückentragegestells bei den
Nomadenvölkern Zentralasiens dar, das für das Baby zur doppelten Qual von
Schädelverformung und immobilisierendem Festeinwickeln des ganzen Körpers
führte. Die kulturelle Institution der Schädeldeformation beim Säugling
verschwand um die Wende zum 20. Jahrhundert, doch das kokonartige
Einwickeln scheint zwischen Osteuropa und Ostasien bis heute üblich zu sein.

Normalerweise wird ein Baby, das solcherart schmerzhaftem Einbinden
ausgesetzt ist, versuchen, sich zu befreien und laut schreien, um die
Aufmerksamkeit und Hilfe eines Erwachsenen anzuziehen. Ich vermute
allerdings, daß dies bei hungerleidenden Säuglingen in einem
körperfixierenden (und oftmals kopfquetschenden) Rückentragegestell während
eines langen Marsches unter sengender Sonne nicht der Fall ist. Unter
extremen Dürre- und Hungerbedingungen werden die Erwachsenen zunehmend
kontaktlos und sind weniger aufmerksam und willens, ständig anzuhalten, um
ein im schmerzenden, kopfverformenden Tragegestell festgezurrtes Kind zu
beruhigen.“28

Das kann nur zu unbeschreiblichem Haß führen; der Sadomasochismus der
Gattung Mensch ist nun in der Welt und bis heute in ihr geblieben.

Die Wahnen wehrten sich aber, und so kam es zu besagtem Krieg zwischen den
friedlichen wahnischen Bauern und den nomadisierenden asi(ati)schen
Eroberern. Dieser Krieg ist der Ur- und Protokonflikt der seither
andauernden Auseinandersetzung zwischen Europa und Asien, aber auch die
Ursache für unsere aller Zerrissenheit in Lebensbejahung und Lebensverneinung.

Gezwungenermaßen gaben die Wahnen dabei ihr friedliches Wesen zum Teil auf.
Weder Wahnen noch Asen konnten den Krieg für sich entscheiden, und so
schlossen sie Frieden und vermischten sich. Dabei gaben die Wahnen mehr von
sich auf als daß die Asen von den Wahnen beeinflußt worden wären. Immer
obsiegt die Lebensfeindlichkeit über die Lebensbejahung. Deshalb wird der
Nationalanarchismus nie Erfolg haben und nationale Anarchien erst nach den
Ragnarök, nach dem Zusammenbruch der Zivilisation, entstehen, und zwar von
selbst, spontan, ohne jede Erinnerung an Nationalanarchismus.

Der Anführer der Asen war ein Mann namens Odin, ein böser, gewalttätiger
Herrscher, „Heerführer der Schnurkeramiker-Streitaxt-Leute, die gegen Ende
des 3. Jahrtausends v.Chr. aus den asiatischen Steppen nach Europa
eingedrungen sein sollen“.29

Odin war der Fürst (engl. first – der Erste) der Asen. Noch heute benutzt
man für „eins“ im Russoslawischen das uröstliche Wort „Odin“.

Odin wurde auch „Ario“ genannt. In den von ihm und seinen brutalen Kriegern
unterworfenen Völkern verwandelte sich dieses Wort später u.a. in das
deutsche Wort „Herr“. Bald nannten sich alle seine Untergebenen „Arier“,
d.h. „Herren“. Die Arier sind keine Rasse, sondern sind die überall auf der
Welt herrschende Ausbeuter- und Unterdrückerschicht, die vornehmen
Herrschaften.

Die germanischen Indoeuropäer mußten, um im Kampf um die Ressourcen weiter
bestehen und entsprechend hart kämpfen zu können, ein Ideal entwickeln: So
wie er damals – jener starke Führer, jener sagenumwobene Odin –, so müssen
wir auch sein. Und so werden die Kinder, insbesondere die Jungen, künstlich
in Situationen gebracht, wo sie sich abhärten und dabei automatisch das
Ideal entwickeln und „Gott erkennen“ müssen, auch wenn die Situation, in
der sich das Volk befindet, gar nicht diese Härte erfordert. Das sind die
sog. Initiationsriten, wie sie Britta Verhagen beschreibt:

„Wir wissen, daß der Einzuweihende in den frühen Zeiten den symbolischen
Tod zu erleiden hatte, um als neuer, verwandelter Mensch aufzuerstehen. Er
wurde dabei oft schmerzhaften und schwächenden Zeremonien unterworfen, um
aufnahmefähig auf für das letzte, höchste Erleben der Jenseitsfahrt zu
werden. Aber auch das tiefe Wissen kann [angeblich] nach Glauben der
Naturvölker nur durch Opfer und Schmerzen gewonnen werden. Diesen Sinn hat
ohne Zweifel das vielumrätselte Lied vom Selbstopfer Odins (Hávamâl,
übersetzt von F. Genzmer):

Odin spricht: Ich weiß, daß ich hing Am windigen Baum neun Nächte lang, Mit
dem Ger verwundet, Geweiht dem Odin, Ich selbst mir selbst An jenem Baum,
Da jedem fremd, Aus welcher Wurzel er wächst.

Odin hängt, sich selbst geweiht, am Weltenbaum, verwundet, hungernd und
dürstend, um Weisheit zu erlangen.“30

Jedes Kind stirbt seither neu und für sich allein. Es ist mehr als
„symbolischer Tod“. Es stirbt wie Odin und wie Jesus.

Auf diese Weisheit aber, die mit so viel Schmerzen verbunden ist, die die
Sinne abtötet und daher sinnlos ist und Sinnlosigkeit bewirkt, verzichten wir.

Dem tatsächlichen Odin, der sicherlich mit großen, wenn auch pervertierten,
Begabungen ausgestattet gewesen sein muß, wurden allerhand wundervolle
Eigenschaften hinzugedichtet; er wurde idealisiert. Ideal und Gott sind
aber das gleiche. Religion heißt: So mußt du sein und dich verhalten, damit
alles gut wird. Und so wurden aus realen Menschen, wenn sie bei der Führung
ihres Volkes erfolgreich waren, Ideale bzw. Götter.

Im Streit der Religionswissenschaftler und der Historiker, warum die Götter
menschliche Gestalten haben und ob die Götter aus realen historischen
Personen hervorgegangen sind, haben eindeutig die sog. Euhemeristen recht.
Euhemerismus heißt – von seinen Gegner aus gesehen –, daß Gott, der a
priori als gegeben angesehen wird und gar nicht hinterfragt wird, als
Stammesführer, als historische Person gesehen und dargestellt wird.
Außerhalb dieses Streits der Gebildeten ist ein Stammesführer ein
Stammesführer.

Die Nationalsozialisten haben die Deutschen zu Ariern erklärt, was sie aber
– je nach Standpunkt gottseidank oder leider – nur zum Teil sind. Und der
von den Nationalsozialisten behauptete Gegensatz zwischen Ariern und Juden
ist im Grunde keiner, weil die Juden die Herren der Welt sind. Sie waren
die mächtigsten, weil intelligentesten Eindringlinge nach Europa.

Der Nationalsozialismus war Ausdruck der Infizierung Ureuropas mit dem
Arischen: die Ureuropäer konnten nur ihre Eigenheit wenigstens teilweise
bewahren, indem sie sich den Methoden der Arier, der eindringenden
Herrenmenschen aus dem südlichen und östlichen Wüsten- und Steppengebieten,
anpaßten und mit den gleichen Mitteln zurückschlugen. Dabei verrieten sie
sich freilich gleichzeitig.

Doch noch immer ist das Ureuropäische mit seinen typischen Eigenschaften
lebendig. Je weiter man nach Norden kommt, desto heiler hat das
Ureuropäische überleben können, desto friedlicher und toleranter sind die
Menschen und deshalb auch bei allen anderen Völkern beliebt. So ist es z.B.
kein Zufall, daß die deutsche Nationalmannschaft bei der
Fußball-Europameisterschaft zwei Trainer hat, auch wenn einer der Chef ist.
In südlicher gelegenen Ländern ist das schlechter denkbar; dort herrscht
ein einziger Patriarch. Das noch nördlicher gelegene Schweden hat zwei
Trainer, und zwar rangmäßig gleichgestellt – undenkbar im
autoritär-hierarchischen Süden. Beide Trainer genießen gleich viel
Autorität: einer eher auf athletischem, der andere eher auf taktischem
Gebiet. Die Führung beruht im Norden stets auf fachlicher Qualifizierung
und fluktuiert von Gebiet zu Gebiet. So trifft es sich, daß in einer
Gemeinde fast jeder auf einem Gebiet Führer ist. Und selbst die Dorfälteste
hat ihr Gebiet, auf dem sie führt (z.B. Streitschlichtung), und mischt sich
nicht in andere Gebiete und Belange ein.

Es ist auch alles andere als ein Zufall, wenn sich ausgerechnet Schweden
der repressiven Religiosität und dem Gesinnungsterror widersetzt. Die
Meinungsfreiheit hat sich nur im hohen Norden halten können; in allen
anderen „europäischen“ Staaten herrschen libertizide Gesetze und
Gesinnungsterror. Die Schweden trotzen erfolgreich dem Glaubenszwang,
obwohl Mitte Januar 2000 wiederum nicht zufällig gerade in Stockholm eine
Holocaust-Tagung durchgeführt wurde, wo von südlichen Staaten und
Judenvertretern eine europaweite Zensurgesetzgebung durchgepeitscht werden
sollte. Michel Friedmann tobt, daß in allen nordischen Ländern
Meinungsfreiheit herrscht. Die sozialdemokratische Justizministerin
Schwedens, Laila Freiwald, hält den Neo-Asen stand: „Ich halte nichts vom
Verbot der freien Meinungsäußerung.“31

Die Mythisierung des Norden durch die Nationalsozialisten ist grotesk.
Diese waren alles andere als nordisch, d.h. friedliebend, frei und
tolerant. Ganz im Gegenteil kopierten sie den kriegerischen und autoritären
Süden, das Römer- und Judentum. Wenn die Blonden in der Welt beliebt sind –
empirisch nachgewiesen sind sie das –, dann aufgrund ihrer Ehrlichkeit,
Bescheidenheit, Friedsamkeit und Vertrauenswürdigkeit.

Doch auch der Nationalsozialismus hatte ureuropäische Anteile. Diese wurden
von Herman Wirth präsentiert, der als Widerpart zu Heinrich Himmler gelten
kann, welcher das Herrenmenschentum repräsentierte. Der asische Teil der
deutschen Freiheitsbewegung des 20. Jahrhunderts hat sich in seiner
Brutalität kaum mehr vom puren Asentum der Wüstensöhne unterschieden. Der
Nationalanarchismus ist u.a. das Erbe des matristisch-wahnischen Flügels
der NSDAP.

Der wirkliche Gegensatz besteht nicht zwischen Ariern und Juden, sondern
zwischen den friedlichen Ureuropäern auf der einen und den Asioeuropäern
(„Indogermanen“) und Semiten auf der anderen Seite. Auf der einen Seite das
Seinsprinzip, daß man so ist wie man ist und der wird, der man ist. Auf der
anderen Seite das Streben nach einem Ideal, der Kampf gegen sich selbst
zugunsten einer Person, die man eigentlich gar nicht ist. Auf der einen
Seite die Zufriedenheit mit sich selbst, wie man ist (was voraussetzt, daß
man als Kind genug bekommen hat und von den Älteren bestätigt worden ist).
Und auf der anderen Seite Unzufriedenheit mit sich selbst, die
Selbstverurteilung (weil man sich das sadistische Verhalten der Älteren –
von denen man abhängig ist, die man abgöttisch liebt und denen man nichts
Schlimmes zumutet – nur mit eigener Schuld erklären kann).

Doch „es gibt keine Schuld, das weiß ich jetzt; es gibt nur verschiedene
Rollen. Die Schuld ist eine Schöpfung, Spannung zu erzeugen, ein
Kunstgriff, eine Willkür, ein Mutwillen wie das Recht“.32

Wahnen und Ureuropäer hatten, so, wie sie keine Mythen hatten, auch keine
Ideale. Sie waren mit sich zufrieden und strebten nach nichts anderem.
„Bleib so, wie du bist“, war ihr einziges „Ideal“. Sie kannten keine
materielle Not, ihr Land war fruchtbar, und alles war schön.

Auch wir haben keine Ideale und keine Mythen mehr – dieser Ursprungsmythos
ist keiner. Es ist uns egal, ob er historisch stimmt oder nicht, am Ende
wird er vielleicht sogar wirklich von den Historikern bestätigt... Es ist
nur ein Bild, das uns behilflich ist, etwas auszudrücken, was wir an
anderer Stelle auch nichtmythisch und nichthistorisch auszudrücken versuchen.

Wir Ureuropäer brauchen keine Verfassung; und so sollen die Gebildeten
ruhig die „christlichen Ursprünge Europas“ in ihrer komischen Verfassung
nennen und erzählen, daß Europa „einer christlichen Kultur entspringt“33 .
Lachhaft.

Uns sind Ursprungsmythen im Grunde völlig egal. Wenn wir historisch zu
Werke gehen würden, läge unsere Kultur so weit zurück, daß eine Anknüpfung
an sie unmöglich ist. Wir müssen eine neue Kultur herstellen, nur aus
unseren Bedürfnissen heraus, ohne jegliche Rücksichtnahme auf Geschichte
oder Mythologie. Eines der Charakteristiken der Wahnen ist, daß sie keine
historischen Vorbilder hatten. Und so haben auch wir keine.

Die Europäer haben nie aufgehört, daran zu glauben, eines Tages wieder
ausgeglichen und zufrieden mit sich selbst zu sein und keine Arier in und
über ihnen zu haben. Sie haben immer das Mongolentum angegriffen, haben nie
Ruhe gelassen, haben immer wieder die Ideale, d.h. die Muster, nach denen
sie gebildet, nach denen sie und ihre Gruppen konstruiert wurden, in Frage
gestellt und das Heiligste, die Religion, angegriffen.

Aber sie haben dabei das Ideal selbst als das Schlechte schlechthin nie
verworfen, sondern immer wieder neue Ideale an Stelle der alten gesetzt.
Jetzt muß Schluß gemacht werden mit den Idealen. Die Europäer müssen zu
Ureuropäern werden, müssen wieder grenzenlos spinnen…

Was wurde in jenem „Gründungskrieg“ gegründet? Dort im südlichen Rußland,
am Kaukasus, wurden die heutigen europäischen Völkerfamilien – die Kelten,
die Germanen und die Slawen: die Kaukasier – gegründet. Besser gesagt wurde
die Gründung dieser Völkerfamilien dort vorweggenommen. Denn als Wahnen und
Asen sich bekriegten, lebten die Vorfahren der Kelten, Germanen und Slawen
– die Stirner meint, wenn er „Kaukasier“ sagt – noch im
natürlich-friedlichen Urzustand wie einst die Wahnen, als diese noch nicht
von den Asen drangsaliert worden waren. Erst später sollten es die
Ureuropäer mit den Asiaten zu tun kriegen. In Alteuropa wurde nicht
indoeuropäisch gesprochen. Die Alteuropäer hatten Sprachen, die kaum etwas
mit der Sprache zu tun hatte, die die wahnisch-asischen Mischlinge
mitbrachten: das Indogermanische.

Das wahnisch-asische Zwittervolk, die „Indoeuropäer“, war asisch dominiert,
d.h. die Wahnen hatten sich der Lebensweise der Asen, die eine gewalttätige
war, zwangsläufig unterwerfen müssen. Auch ihre wahnische Sprache, die mit
den ureuopäischen Sprachen des Westens und des Nordwestens verwandt gewesen
sein wird, ging dabei verloren:

„Mindestens 1/3 des germanischen Grundwortschatzes läßt sich nicht aus dem
Indogermanischen herleiten“34 und zeugt von unserer
vorgermanisch-megalithischen Herkunft. Die ureuropäische Sprache der
Germanenvorfahren wurde vom Indogermanischen überlagert. Aber wie zum
Zeichen dafür, daß unser ureuropäisches Erbe verdrängt und so getan wird,
als seien wir Europäer primär zur Hälfte kriegerisch, d.h. angeboren böse,
wird das nicht-indogermanische und vorgermanische Drittel in den
Herkunftswörterbüchern verschwiegen 35 .

Es findet sich schlicht nirgends ein Hinweis auf Vorindogermanisches!
Allenfalls erscheint ein „Herkunft ungewiß“, wie beim Stichwort „Pflug“,
oder es wird gesagt, die Herkunft bleibe „schwierig“, wie bei „Adel“, von
welchen beiden Wörtern es just heißt36 , sie seien nicht-indogermanisch. Es
muß wohl davon ausgegangen werden, daß, wenn für die Etymologen eine
Herkunft nicht klar ist, es sich fast immer um vorgermanisch-ureuropäische
Wörter handelt. Weitere Beispiele: „Krieg“ („ungeklärt“), „Nord“/„Süd“
(„auszugehen wäre von … zweifelhaft bleibt ob … angenommen werden kann…“)
und „Volk“ („vielleicht zu verstehen als…“). Im Duden-Herkunftswörterbuch
gibt es gar keinen Eintrag zu „Volk“!

Das Gleiche, also die Überlagerung durch Asisches, gilt für die Kelten und
für die Slawen, in deren Geschichte es jeweils einen entscheidenden
„seltsamen Bruch“37 gibt: die traumatische Begegnung mit den Asen. Bei den
Kelten vollzog sich dieser Bruch mit „Beginn des Latène-Stils etwa um 500
v. Chr.“38 Bis dahin lebten die Kelten bzw. die Vorkelten in der sog.
Hallstatt-Kultur, die „in der Nachfolge der nordeuropäischen
Bronzezeit“39 – der Zeit des „Klimaoptimums, einer Wärmezeit voller
Fruchtbarkeit, zweifellos das ‚Goldene Zeitalter’ der Überlieferung“40 –
stand, ein „friedliches bäuerliches und adeliges Leben“ und unterhielten
„fruchtbare Handelsbeziehungen zum Süden“.41

Noch heute kann gesagt werden: je nördlicher, desto friedlicher,
toleranter. Je südlicher, desto machohafter, herrischer, despotischer. Daß
die Skandinavier so friedlich sind, liegt daran, daß sie nicht so sehr
unter den Einfluß der Asen gerieten wie ihre bedauerlichen südlichen und
östlichen Nachbarn.

„Dann aber“ – nach jenem „seltsamen Bruch“ –, schreibt Britta Verhagen,
„erscheint der Latène-Stil, der sich von dem klarlinigen Hallstatt-Stil
sehr wesentlich durch eine ganz andere Technik und plastische Formung mit
Tierdarstellungen von oft erschreckender Dämonie unterscheidet. Dieser Stil
erinnert nicht unwesentlich an die aus den Kurganen Südrußlands bekannten
Bronzen mit ihrem wildbewegten Tierstil. Gleichzeitig zeigt sich nun auch
bei den Völkern des frühkeltischen Raumes eine vordem nicht gekannte
Wanderlust; jetzt beginnen die großen Keltenzüge, die unter kühnen
Anführern (…) nach allen Richtungen ausschwärmen“42 , halb Europa eroberten
und sogar so weit verasten, daß sie zu Kopfjägern wurden und die
„erbeuteten Feindesschädel über ihren Haustüren anbrachten“43 .

„Was ist denn da mit einem Male in die geruhsam den Acker bebauenden,
handeltreibenden und schönheitsliebenden Hallstattleute gefahren, daß sie
zu solche wilden Auswanderern, Eroberern und Kämpfern wurden?“, fragt
Britta Verhagen44 und gibt die Antwort: „Es muß sich um einen kompakten
Einfall und ein Ansässigwerden einer wenn auch dünnen Erobererschicht
handeln.“45 Britta Verhagen meint, daß die asiatischen Eroberer „den
Wandertrieb und den kriegerischen ‚Furor’ in den Völkern des Westen
weckten“, doch sie selbst geht von der primären Friedlichkeit der
Ureuropäer aus.

„Wecken“ ist also der falsche Ausdruck; richtig müßte es heißen, daß die
Völker des Westens infiziert wurden. Der Furor ist germanisch, aber nicht
ureuropäisch. Die Ureuropäer mußten sich gegen die Reiterhorden aus dem
Osten wehren und sich ihnen anpassen. Die Kelten gingen dabei sogar soweit,
daß sie den asischen Brauch übernahmen, Diener zu töten und diese in das
Grab des verstorbenen Herren hinzuzulegen. „Die Kelten wurden zu
schweifenden, beutemachenden Auswanderern, zu Reitern, sie schufen eine
Kunst von fast erschreckender Aussagekraft und hintergründiger Dämonie.
Kampf, Tod und Schädelkult stehen im Vordergrund. (…) Das alles mutet so
‚östlich’ an, daß wir kaum daran zweifeln können: Hier muß um die Mitte des
ersten Jahrtausends v.Chr. ein bedeutender Einbruch eines Steppenvolkes aus
dem Osten die frühere Kultur und somit auch die Bevölkerung überlagert und
gewandelt haben.“46

Der Indoeuropäologe Jean Haudry schreibt: „Freyr gehört zu den Wahnen, den
Göttern des Wohlstands, des Überflusses, des Friedens und der
Fruchtbarkeit. Asen und Wahnen stießen zu Weltbeginn in einem
‚Gründungskrieg’ zusammen.“47

Manche Autoren glauben, die Indoeuropäer würden aus Mitteleuropa stammen,
„aber der soziale Egalitarismus (…) sowie das Fehlen kriegerischer Züge
bringen sie näher an die Donauländer des balkanischen ‚Alteuropas’, das
schon durch den Kult einer obersten Muttergöttin offenbar nicht
indoeuropäisch ist.“ 48

Die Asen sind lediglich die Protonomaden und stehen bildlich für alle
Nomadengruppen, die sich im Verlaufe der Geschichte über Europa hergemacht
haben (Hunnen, Mongolen, Skythen, Türken, Juden usw.). Seit Beginn des
Kolonialismus erleben wir einen furchtbaren Rachefeldzug der verasten,
genauer gesagt: verjudeten Europäer, die zu globalen Herrschern werden und
die die ganze Welt untertan machen. Die Weißen sind nun die schlimmsten Asen.

Wie List, Tücke und Lüge charakteristisch für das Asische ist, so zeichnet
sich das Wahnische durch Wahrhaftigkeit und Wahrheitsliebe aus. Jean Haudry
zufolge ist „die Wahrheit der höchste Wert in der indoeuropäischen Welt“.
Die – wie es Jean Haudry schreibt – „Religion der Wahrheit“ der
Indoeuropäer geht mit Sicherheit auf den wahnischen bzw. ureuropäischen
Anteil am Indoeuropäischen zurück. Während die Asen wie gesehen von
„höherer sittlicher Anschauung“49 waren, ist die Wahrheit bei den Wahnen –
und das ist radikal wichtig – gleichwohl „mehr als ein moralischer
Begriff“, wie Jean Haudry schreibt (der das freilich nicht für die Wahnen,
sondern irrtümlich für die Indoeuropäer gelten läßt).

Der entscheidende Gegensatz lautet: Moral gegen Wahrheit. Die Dinge
akzeptieren, wie sie sind, mit der Natur gehen, oder aus den Dingen etwas
Höheres machen, gegen ihre Natur sein.

Doch wir Wahnen bzw. Ureuropäer wissen, daß es uns nicht einmal mehr als
Spur geben würde, hätten wir uns nicht den Asen in einem gewissen Maße
angepaßt und uns nicht in Halbasen – in Germanen, Kelten und Slawen –
verwandelt. In diesen Verpuppungen leben wir fort. Wir brauchen sie nach
wie vor. Wir müssen mit den Asen Kompromisse eingehen, müssen Germanen und
wehrhaft sein. Aber wir werden nie kriegerisch, nie angreiferisch sein. Wir
verteidigen nur unser friedliches Leben. Die Einsicht in die Notwendigkeit
der Verteidigung ist Grundlage der wahnisch-halbasischen, d.h. der
ureuropäisch-indogermanischen und deutsch-antideutschen Versöhnung.

Nicht die Halbasen, sondern die Asen sind unsere Feinde. Wir sind
antideutsch, aber nicht deutschfeindlich, germanophob. Aber wir verleugnen
den Unterschied zwischen uns und den halbasischen Indoeuropäern nicht, wir
bestehen auf ihm.

Womit können wir bei den Indoeuropäern werben, womit machen wir uns für sie
interessant, was könnte deren Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns sein?

Unser hauptsächliches Angebot an die Indoeuropäer, an die Deutschen,
Franzosen, Engländer und Ukrainer, an die Germanen, Kelten und Slawen
besteht darin, daß wir ihnen dabei helfen können, wenn sie ihre wahnischen
Anteile wiederbeleben möchten, d.h. wieder wirklich frei und zufrieden sein
wollen.

Die wesentliche Veränderung in den Seelen und Körper der Indoeuropäer lag
darin, daß sie List und Tücke, also die Lüge, von den Asiaten übernommen
haben. List, Tücke und Betrug wurden zur Gewohnheit, zur zweiten Natur. Das
führte dazu, daß die Germanen nicht mehr in ihrer Wahrheit lebten. Wir
wahnischen Ureuropäer, die das noch tun, können unseren Halbgeschwistern –
wenn sie das möchten – dabei helfen, sich von ihren Lebenslügen zu
befreien. Denn danach sehnt sich der Indoeuropäer: Er will in der Wahrheit
leben, weil das ein schönes, angenehmes, streßfreies und einfaches, nicht
gespaltenes Lebensgefühl ist. Das kann er aber nur zur Hälfte. Wir helfen
ihm, es ganz zu haben.

Der Indoeuropäer sehnt sich zurück zu sich selbst nach Ureuropa.

Wir, die Ureuropäer, also der wahnische Anteil der Indoeuropäer, sind immer
wahr geblieben und können ihnen helfen, ihre Wahrheit wiederzufinden und in
ihr zu leben.

Zu diesem Zwecke richten wir Wahrsagereien ein; das sind geschützte Orte,
zu denen die Germanen kommen können und wo sie sich aussprechen, wo sie
ihre Wahrheit sagen und wieder annehmen können. Denn selbstverständlich
sagen nicht wir ihnen die Wahrheit, wie es die Asen mit ihren Priestern der
Wüstenreligionen tun.

Die Leute sollen sie selbst sein; sie sollen sich – wenn sie das möchten –
aus sich selbst entwickeln, sie sollen nur ihre eigene Wahrheit entdecken
und nach ihr leben. Wir möchten nicht „durch rednerische Betätigung an der
Umbildung der Seelen mitarbeiten“.50

Es gibt nicht die Wahrheit, keine objektive Wahrheit; die Indoeuropäer
müssen ihre Wahrheit, die „subjektive“ Wahrheit selbst finden. Wir können
ihnen dabei nur Mut machen und sie auf der Wahrheitssuche beschützen, ihnen
ihre Wahrheit nur abnehmen.

Durch die Wahrsagereien, durch regelmäßig abgehaltene Stunden der Wahrheit,
entsteht eine Kultur der Wahrheit, die die Einzelnen immer mehr zu sich und
ihren Interessen bringen und den Durchsetzungswillen stärken. Auf dem Weg
zu sich werden die Scheinbedürfnisse immer weniger; die eigentlichen
Bedürfnisse aber werden immer energischer zu befriedigen gesucht.


8. Emanzipatorische Falle und Endstadium des Humanismus: der Hegelianismus

Der Hegelianismus ist deshalb eine Gefahr und von Bedeutung, weil es in
Europa Hegelianer gibt, die sich aufgrund ihrer Intelligenz und Ihrer
Radikalität an die Spitze einer europäischen anti-mongolisch/anti-jüdischen
Bewegung setzen könnten. Eine weitere Falle, in die der entfremdete Mensch
auf der Suche nach Heil, d.h. nach Ganzheit tappen kann, d.h. eine weitere
Religion, in der er sich flüchten kann, ist die Ganzheit im Denken, d.h.
die so umfänglich und so logisch korrekt wie mögliche gedankliche und
sprachliche Erfassung des Wirklichen, d.h. die Denkreligion, anders gesagt
der Hegelianismus. Hier flüchtet sich der Mensch in den Kopf. Denkt er
alles, vermeint er alles zu haben und zu sein. Natürlich flüchtet er nicht
vollständig, weil er vom Denken nicht satt wird. Und so gehören heute
Hegelianer sogar zu den vehementesten Vertretern einheimischer, eigener
Interessen und können ziemlich radikal, geradezu nihilistisch
argumentieren, so als würden sie nichts kennen und wäre ihnen nichts heilig
(Mahler, Oberlercher).

Oberlercher kritisiert vehement den Humanismus, aber seine Kritik bleibt
auf halbem Wege stecken, ist nicht wirklich radikal. Er schreibt: „Der
vereinzelte Mensch, wie er heute zum Pathosträger der Zeit, zum Souverän
und zur Quelle aller Rechte gemacht wird, ist aber ein bloßes Exemplar
seiner Gattung, ein Mensch an sich und damit jeder Mensch. Aber der Mensch
an sich, ohne jede weitere Bestimmung, ist bloß eine besondere Tierart mit
auffällig entwickeltem Großhirn.“ 51

Eine „jede weitere Bestimmung“ würde aus dem Menschen an sich nur etwas
Weiteres an sich, ein Bestimmtes an sich, machen. Der Mensch wird durch
eine Bestimmung (durch die Bestimmungsbehörde?) wieder zu nichts Eigenem,
zu nichts Selbstbestimmtem; er bekommt wieder seinen Platz und seine
Daseinsform zugewiesen.

Um der Menschlichkeitsreligion zu entkommen und ihr ernsthaft etwas
entgegenzusetzen, muß ich aber überhaupt kein Mensch mehr sein, sondern nur
ich. Als ich, als voll fühlendes, denkendes, freies und verantwortliches
Ich identifiziere ich mich – ich ganz persönlich jedenfalls, PT – allemale
mehr mit jedem anderen Ich („Mensch“, „Mitmensch“) und habe mit diesem Ich
viel weniger Reibung, habe viel mehr Achtung vor ihm als es ein Humanist je
haben könnte, der – weil nur Ideologe und auf dem dünnen Eis der
Zivilisation wandelnd – immer wieder zum Schlächter von Menschenmillionen
wird. Doch mein Haupteinwand gegen den Humanismus ist, daß Humanisten mich
bestimmen.

Die Hegelianer wollen mich nun „weiter bestimmen“. Das hört sich nicht nur
schlecht an, das ist es auch.

Was wäre also gewonnen? Würde der Grad der Selbstentfremdung, hervorgerufen
durch die Bestimmung, „Mensch“ zu sein, dadurch abnehmen, wenn wir „weiter
bestimmt“ würden?

Was nützt mir eine weitere – im Sinne von genauere, mir gemäßere –
Bestimmung, wenn es doch nur eine weitere – im Sinne von erneuter –
Bestimmung ist? Mag sein, daß ich weiter (gründlicher) bestimmt bin, wenn
ich nicht nur Mensch, sondern z.B. auch Deutscher bin. Wirklich
unentfremdet bin ich aber nur dann, wenn ich nicht mehr bestimmt bin, zu
was und von wem auch immer, wenn niemand mehr über mich bestimmt, wenn ich
nicht länger in Gefahr gerate, von zu politischer Gewalt gewordenen
Theorien bestimmt zu werden.

Bleibe ich aber bestimmt, d.h. entfremdet, wie kann dann die Gemeinschaft,
der ich angehöre und die ich bilde, die meinige, die unsrige sein? Wir
wollen bestimmen und nicht bestimmt werden, und zwar nicht theoretisch
(etwa uns näher bestimmen, definieren), sondern praktisch. Sowieso und
einfach so. Eine radikal nichtnormative Überwindung des Humanismus würde
noch ganz andere Energien freisetzen als die des Hegalianismus von Mahler
und Oberlercher.

Oberlercher: „Die Menschenrechte sind die Rechte dieser besonderen
Tiere.“52 Der „Mensch an sich“ ist aber keine Tierart, sondern nur ein
Gespenst, das nur in Theorien, aber nicht im Tierreich vorkommt. Wir
sollten diesem Gespenst lieber die Luft ablassen, als es zum Tier
umzugestalten. Die Menschenrechte sind also keine Tierrechte, sondern
Rechte von etwas Nicht-Existierenden und damit zu ignorieren.

Von dieser im Metaphysischen bleibenden Dekonstruktion des Humanismus aus,
wo einfach ein „Recht“ (z.B. „das Recht, Rechte zu haben“) postuliert wird,
das zwar keinem Menschen an sich, aber irgendeinem anderen, näher
bestimmten Menschen zukäme, geht es bei Oberlercher den gesamten Text über
weiter und richtig hinein in das Reich des Nicht-Existierenden, der
Metaphysik, und wird diese prompt zum „notwendigen Nullpunkt des Denkens“
erklärt.53

Mein Denken beginnt aber nicht bei einer Hypothese oder einem „Begriff“,
sondern bei irgendeinem Problem oder Ding, das mir begegnet und mit dem ich
mich beschäftigen will oder muß. Es ist stets induktiv: Ich gehe stets vom
sinnlich wahrgenommenen Konkreten aus, nicht, wie die deduktiv und damit
immer aus und in der Fremde denkenden Hegelianer, von Begriffen, die ohne
Bezug zu etwas Sinnlich-Erfahrenen einfach so daherpostuliert werden.

Weil diese höchsten Begriffe („Gott“) mit dem tatsächlichen, d.h. mit
meinen Sinnen erfahrbaren Leben, nichts zu tun haben und dort nichts, also
keinen Sinn haben, versuchen die Deduktivisten mittels kognitiver
(„logischer“) Operationen diesen Begriffen nachträglich eine Realität
beizuordnen, wobei sie zur Unterstützung der Richtigkeit ihrer Postulate
auf makro- und mikrokosmische Phänomene verweisen (die des äußeren Raumes
und der inneren, „geistigen“ Welt des Ichs), die nur durch metaphysische
Spekulationen zu „erklären“ sind oder durch Errichtung eines allseits
geltenden „Systems“ ihre Einordnung finden, die aber in mir und meiner
Phantasie nicht vorkommen und deren Existenz auch nur abzustreiten ich
keine Veranlassung sehe.

„Gott“ oder andere höhere Dinge des Geistes sind mir gleichgültig.54 Ich
gebe meinen Gedanken keinen „jenseitigen Halt“ (Oberlercher)55 , sondern
meine Gedanken kommen aus dem Diesseits meiner Empfindungen und nur in
diesem zustande. Wenn es nach Hannah Arendt das einzige Recht des Menschen
sei, „Rechte zu haben“ (anstatt etwa „Menschenrechte“), dann braucht man
nicht davon auszugehen, daß es solche gibt, dann nimmt sich jeder seine
„Rechte“, die dann etwas Beliebiges und Überflüssiges sind, weswegen wir
auch nicht mehr von dem „Recht, Rechte zu haben“ und von gar keinem Recht
sprechen brauchen.

So wie die Menschlichkeitsreligion daher ihre Macht nimmt, weil sie vom
Menschen spricht (wer will schon kein Mensch sein?), der aber letztlich
doch abstrakt bleibt, so ist die Denkreligion für einige anziehend, weil
sie an die Sehnsucht nach dem Ganzen, nach Einheitlichkeit und Integrität,
nach Heil und Gesundheit appelliert, aber noch mehr, weil charismatische
und heilversprechende Persönlichkeiten wie Horst Mahler sie vorgeben.

Der hegelianische Schüler, der voller Hoffnung in diese vielversprechende
Falle tappt, wird aber schwer enttäuscht und wird immer wieder von
Depressionen heimgesucht, weil er nicht den Mut aufbringt, das Ganze zu
sein, anstatt nur zu denken, d.h. weil er nicht leben kann, wonach er sich
– diesseits des Denkens, real, körperlich – eigentlich sehnt, weil er in
einem „Jenseits“ Halt sucht, anstatt im Hier und Jetzt. Er wird „das
System“ sowieso nie verinnerlichen. Selbst die gebildetsten Hegelianer
streiten sich untereinander. Und er sollte seine Gefolgschaft gegenüber
anderen Menschen aufgrund deren Ausstrahlung und der für ihn positiven
Seiten nicht von der Übernahme ihres kompletten Denkens abhängig machen. Er
kann sich noch so sehr abmühen, „richtig zu denken“ – er wird es nie schaffen.

Das ganzheitliche Denken ist ein Abziehbild und ein Ersatz des ganzen
Seins; der Ganzheitliche wagt nicht den Schritt zum Sein. Von daher ist der
Hegelianismus nur eine weitere Religion, die uns – das hat die Religion so
an sich – nicht uns selber sein und direkt unsere Interessen wahrnehmen
läßt, und deswegen, weil er nicht an den nackten Egoismus appelliert,
bleibt er in der Abschüttelung einer Fremdherrschaft ineffektiv.

Und wo Mahler und Oberlercher Erfolge erzielen, da sind sie Nihilisten,
dann, weil sie nichts kennen außer blanken und radikal formulierten
Interessen. Und damit rekrutieren sie ihre Anhänger, nicht mit
Hegelianismus. Die Anhänger schauen gnädig über den Hegelianismus hinweg,
schanzen den Hegelianern aber, weil von ihrem Nihilismus fasziniert, Macht
zu, die sie eines Tages gebrauchen könnten, einen neuen Himmel, eine neue
Kirche zu errichten.

Stirner erkannte sehr genau, wie die Europäer (die „Kaukasier“) zwar das
Heilige (den Spuk) einerseits immer wieder mutig angriffen und ihm an die
Maske wollten (den mongolischen Himmel stürmen), wie sie aber andererseits
und gleichzeitig auf ihrem Wege zu Rationalität und Selbstsouveränität
lediglich das jeweilig Heilige immer wieder in etwas anderes Heiliges
transformierten („die Vernunft“, „der Mensch als das höchste Wesen“, „das
Ding an sich“, „die tiefste, wissenschaftlich erwiesene und empirisch
festgestellte Bestimmung des Menschen“, „das Volk“ usw.) und also
mongolische Kaukasier blieben. Stirner: „[Der Kaukasier] hegt die
unversöhnlichste Feindschaft gegen den Himmel und baut doch täglich neue
Himmel: Himmel auf Himmel türmend erdrückt er nur einen durch den andern.“56

Wenn von höheren „Wesen“ oder „tiefsten Bestimmungen“ die Rede ist,
bezeichnen wir das als Religion, auch wenn „Gott“ nicht mehr vorkommt. Und
so tritt die Religion auch mit Hegel unter dem Namen „Philosophie“, d.h.
als Denkreligion auf und kämpft sich verzweifelt – denkerisch – an das
Eigentliche, die Wirklichkeit, heran, und sieht dabei, als Gedankengebäude,
dem Eigentlichen zum verwechseln ähnlich. So wie der Mensch mir und dir
täuschend ähnlich sieht.

Viele Hegelianer bemerkten die Verwechslung und daß sie um den heißen Brei
herumtanzten, schickten sich dann sogar als Junghegelianer an, „praktisch
zu werden“, gebierten dabei aber nur eine weitere Religion, den
liberalistischen Humanismus oder die Religion der Kritik, und blieben
wieder Mongolen.

Die Philosophie kann aber nicht praktisch werden, weil sie auch nur
Religion ist, d.h. aus Spuk („Theorie“) besteht. Aus ihr kann nur der
finale Impuls kommen, sich selbst – als Philosoph – aufzugeben.

Das ist der Punkt, an dem die Junghegelianer Stirner nicht länger folgen
konnten. Alles, was Feuerbach noch konnte, war adorierend zu stammeln, daß
Stirner, nachdem er von diesem als frommer Atheist verspottet worden war,
„der freieste und genialste Schriftsteller [ist], den ich kennengelernt“57
. Niemand, außer Stirner, traute sich, in den heißen Brei hineinzufliegen
und dort – als Philosoph – zu ersaufen, um, den Brei abschüttelnd und sich
von ihm reinigend, als er selbst wieder aufzuerstehen; alle schwirrten wie
die Motten um das mongolische Licht.

Und doch waren sie so nahe am Brei, sie konnten schon daran – am wahren,
wirklichen Leben! – lecken. Stirner: „Bei Hegel kommt endlich zu Tage,
welche Sehnsucht gerade der Gebildete nach den Dingen hat, und welche
Abscheu er vor jeder ‚hohlen Theorie’ hegt. Da soll dem Gedanken ganz und
gar die Wirklichkeit, die Welt der Dinge, entsprechen, und kein Begriff
ohne Realität sein. Dies verschaffte Hegels System den Namen des
objektivsten, als feierten darin Gedanke und Ding ihre Vereinigung. Aber es
war dies eben nur die äußerste Gewaltsamkeit des Denkens, die höchste
Despotie und Alleinherrschaft desselben, der Triumph des Geistes, und mit
ihm der Triumph der Philosophie. Höheres kann die Philosophie nicht mehr
leisten, denn ihr Höchstes ist die Allgewalt des Geistes, die Allmacht des
Geistes.“ 58

Und sicher war es alles andere als ein Zufall, daß Stirner als Beender des
Philosophierens selber Hegel-Schüler gewesen war. Die Selbstsicherheit und
Überheblichkeit der Hegelianer im Umgang mit anderen Religiösen ist also
durchaus nachvollziehbar: Sie sind näher am heißen Brei, sie haben den
ganzen Kosmos und die ganze Geschichte, wenn auch nur – in ihrem Kopf.

Stirner: „Das [mongolische] Himmelreich, das Reich der Geister und
Gespenster, hat in der spekulativen Philosophie seine rechte Ordnung
gefunden. Hier wurde es ausgesprochen als das Reich der Gedanken, Begriffe
und Ideen: der Himmel ist von Gedanken und Ideen bevölkert, und dies
‚Geisterreich’ ist dann die wahre Wirklichkeit.“

Es gilt, an Max Stirners Kritik des Liberalismus und an der Religion in all
ihren Formen anzuknüpfen, die nicht reaktionär auf einen voraufklärerischen
Zustand verweist, sondern das Steckenbleiben der Aufklärung auf halbem Wege
nachweist und den Weg wieder frei räumt. Nicht „der Mensch“ soll im
Mittelpunkt stehen, sondern wir, du und ich mit unseren wirklichen
Interessen! Die Vertreter der Aufklärung waren, wenn sie dem Kult vom
Menschen frönten, selbst in hohem Maße anti-aufklärerisch. Radikalisierung
und Realisierung der Aufklärung heißt Zurückführung der Interessen und
Motive auf die Eigenheit, heißt die Zurückweisung aller Namen, in welchen
wir unsere Interessen wahrnehmen sollen, also auch – selbstverständlich –
den Stirner’schen „Eigner“ (was Stirner freilich selbst schon tat).

So wie wir etwas in einem Namen tun, tun wir es nicht für uns, sondern für
den Namen bzw. für einen Priester oder einen Religionsgewinnler oder den
Pfaffen in uns. Die Namen sind Schall & Rauch, etwas außer uns Seiendes.
Die in der Menschlichkeitsreligion steckengebliebene und selbst Reaktion
gewordene Aufklärung hat ihren Impetus als Aufheber der Entfremdung
verraten und die alte Religion durch die Menschlichkeitsreligion ersetzt.

Ihre Vertreter setzen bis heute „die Menschheit“ als Instanz der
Entfremdung in die Herzen und Köpfe, besonders der Heranwachsenden. Es ist
gleichgültig, in wessen Interesse die Religion der Pseudoaufklärer ausgeübt
wird (meist im Interesse der Globalkapitalisten) und wer im Namen der
Menschlichkeit auftritt: Unser Interesse ist es auf keinen Fall, wir haben
unsere eigenen Interessen.

Fakt ist, daß es nichts Wirksameres im Kampf gegen Leute gibt, die im Namen
der Menschlichkeit auftreten und unseren Interessen entgegenstehen, weshalb
sie immer wieder „Menschen“ aus uns machen wollen, als das Auftreten als
wir selbst und die klare und deutliche Formulierung unserer Interessen. Nur
das kann der erste Schritt dahin sein, uns und unsere Interessen
durchzusetzen gegen die Imperialisten.

Wir müssen den Menschen von uns abschütteln.

Gelingt es, den Schleier der Menschheitsreligion zu zerreißen und das
vorgegebene Terrain, auf dem nur „Menschen“, aber nicht wir einen Platz
haben, zu verlassen, bricht der Globalkapitalismus oder was auch immer uns
Uneigenes und uns Vernichtendes, d.h. die gesamte Zivilisation, schlagartig
zusammen.

Nur die Moral, nur Schuldgefühle, nur unsere Erpreßbarkeit hält die
Fremdherrschaft aufrecht. Michel Friedman braucht nur dieses kleine Wort
auszusprechen – „Mensch“ –, und alles zuckt zusammen, duckt sich und fängt
an zu kriechen.

Dagegen hilft nur eine Propaganda, die mit den ureigensten, nämlich unseren
Interessen argumentiert (und keine Hegelschulungen): Es mag ja sein, daß
der Krieg gegen den Irak gut ist, vielleicht auch für die Menschheit oder
die westliche Zivilisation oder für Israels Sicherheit; aber: Wir wollen
ihn nicht, Punkt, aus, Ende der Diskussion. Sollen die reichen Amerikaner
oder alle Reichen der Welt, die noch reicher werden wollen, oder die vom
Reichtum Korrumpierten der Welt, die selbst nicht im Krieg sterben wollen,
oder auch diejenigen in den Krieg ziehen, die oder deren Hinterbliebene
etwa Geld bekommen, wenn sie fallen. Mal sehen, wie weit sie kommen. Wenn
sie weit kommen, dann kann man nichts dran ändern. Denn unser Beteiligtsein
am Globalkapitalismus und das Ausmaß unserer Korruption ist enorm,
wahrscheinlich nicht mehr korrigierbar und verheerend.

Die Kritik des Humanismus ist angesichts seiner scheinbar unbesiegbaren
Stärke, seiner Verankerung in tiefen (Schuld-)Gefühlen unserer Mitmenschen
(Religion) ein schier aussichtsloses Unterfangen. Sie wird nur Erfolg
haben, wenn wir an noch tiefere Schichten appellieren, wenn wir unter die
nach Wilhelm Reich „mittlere Schicht“ (die der Destruktivität und des
Freud’schen Polymorph-Perversen, die sich unter der Fassadenschicht
befindet) und unter das Mythische (Ernst Jünger) in den Kernbereich der
Existenz stoßen, wo es weder Gut und Böse noch Schuldgefühle gibt, sondern
gelassenes, volles Sein, das sich annimmt, wie es ist, und seine Interessen
wahrnimmt, sofort und selbstverständlich. Wir müssen die bloße Kritik
hinter uns lassen.

Wir sind zwar außer Stande, uns als „gut“ zu gerieren (wir können aber in
aller Gelassenheit vorleben, daß Gut-sein Anstrengung und unnötigen Streß
bedeutet) und womöglich noch in einen Wettbewerb der Gutmenschen zu treten,
aber wir sollten nicht auf den Verweis auf die kriminelle Bilanz des
Humanismus und seine Millionen von humanen Opfern verzichten: „Verglichen
mit der unseren war die Steinzeit wahrscheinlich auch in politischer
Hinsicht ein Goldenes Zeitalter. Vermutlich konnte man sich unendlich
glücklicher fühlen, auch sicherer. (...) Überhaupt fällt jede Begegnung
zwischen dem geschichtlichen und dem Steinzeitmenschen zu unseren Ungunsten
aus.“ (Ernst Jünger59 )

Humanisten haben die Atombombe geworfen, wir Primitiven sind dazu aus
Gründen der Mitfühlsamkeit und der absoluten technologischen Unfähigkeit
nicht imstande. Primitive töteten lediglich Eindringlinge (das können sie
heute leider nicht mehr); die Humanisten haben scheinbar den Endsieg
errungen und die ganze Erde mit unvorstellbarer, kalt und systematisch
betriebener Brutalität unterworfen.

Zuletzt hat wieder Franz Uhle-Wettler darauf hingewiesen, daß sich bei
Interessenkollisionen durch Bezug auf Menschlichkeit, Moral und Recht
(„gerechter Krieg“) anstatt auf Interessen alles totalisiert und in Kriegen
wahrhaft menschliche Dimensionen erreicht werden (aber solche Bestien wie
die Humanisten sind im Tierreich nicht zu finden).60

Für das Massenabschlachten sind die Zivilisierten, die Moralisten, die
Religiösen, die Humanisten verantwortlich, nicht wir Menschentiere und
primitiven Egoisten. Leider ist Uhle-Wettler inkonsequent und spricht,
nachdem er den „gerechten Krieg“ in seiner neuartigen, katastrophalen
Dimension entlarvt, von der „Pervertierung des Rechts“, anstatt ein für
alle Male auf das Recht zu verzichten und diesen Begriff vollständig zu
dekonstruieren; er weiß doch, das bei unmoralischen Hirschen, die kein
„Recht“ kennen, die „Kriege“ geradezu „menschlich“ („ritterlich“, besser
gesagt also: tierisch) ausgetragen werden und die „Zivilbevölkerung“
unbeschadet bleibt.

Wenn wir einen sog. nihilistischen bzw. einzel- und gruppenegoistischen
Standpunkt einnehmen, dann nicht, weil wir besonders gierig oder egoistisch
in dem Sinne wären, daß wir mit allen erdenklichen üblen Mitteln versuchen
würden, Vorteile zu erzielen. Wir sind Nihilisten und Egoisten zunächst aus
dem heraus, was „Redlichkeit“ genannt wird, aber nichts anderes ist als der
eigene Wille, in der Wahrheit zu leben, weil das, was wir fühlen, denken
und sagen, stimmen, stimmig sein und miteinander übereinstimmen muß, weil
Unredlichkeit aufrecht zu halten uns zu große Mühe macht.

Im Notfall, zu unserer Verteidigung, können wir zur Lüge greifen. Aber bis
dahin lügen wir nicht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Lüge
erstens zu anstrengend ist und zweitens wir uns gefühlsmäßig zu sehr mit
dem Belogenen identifizieren würden, was uns weh tun würde – also aus rein
egoistischen und unmoralischen Gründen.

Und in unserem Innersten finden wir nichts, keinen höheren Wert oder
dergleichen, nichts, in dessen Namen wir handeln sollten oder könnten, also
keinen Fetisch, welchen Namen er auch immer haben mag („Arterhaltung“,
„Menschheit“ usw.), sondern dort finden wir nur die Gefühle, Bedürfniss

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